Amme

Aus Mittelalter-Lexikon
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Amme (ahd. amma, kindliches Lallwort; mhd. amme = Mutter, Amme, Nähramme, Saugamme, lat. nutrix im Gegensatz zur ®Hebamme, lat. obstetrix). Frauen, die anstelle ihres gestorbenen Säuglings oder neben dem eigenen Kind ein fremdes, etwa zur gleichen Zeit geborenes stillen. Das Nährammenwesen im MA. ist durch viele Quellen belegt, Angaben über Zahl der Ammen oder der ihnen anvertrauten Säuglinge fehlen jedoch. Prediger und medizinische Autoren betonten den Wert der Muttermilch und des mütterlichen ®Stillens. Nicht zuletzt das Vorbild der stillenden Muttergottes wurde als Argument für das Stillen durch die leibliche Mutter herangezogen. Dennoch nahmen im SMA. Mütter adeligen Standes oder aus dem oberen Stadtbürgertum Ammen in den Dienst. Gründe hierfür waren Eitelkeit, Krankheit, Milchmangel, anatomische Defekte der Mammillen, Brustdrüsenentzündung und – weit häufiger – Beschleunigung der Geburtenfolge durch baldige Wiederaufnahme des Zeugungsgeschäfts. Geschlechtsverkehr während des Stillens war verpönt – nahm man doch an, dass der neuangelegte Fötus das "gute" Blut der Mutter beanspruche, wodurch zur Milchbildung nur das "schlechte" übrigblieb und der Säugling entsprechend minderversorgt werde. Dieser Gefahr wurde durch die Anstellung einer Amme begegnet, von der sexuelle Enthaltsamkeit erwartet wurde. Ammen, die meist aus armen Schichten stammten und von daher nicht zu viele Kinder in die Welt setzen wollten, hatten außer ihrem Lohn den Vorteil, eine weitere Schwangerschaft um die Zeit des Stillens hinausschieben zu können. Die durchschnittliche Stillzeit soll drei Jahre betragen haben. Mädchen wurden häufiger zu Nährammen gegeben als Jungen und zudem früher entwöhnt, da sie weniger stark zu werden brauchten als diese.
Im Hause der Herrschaft lebende und nur das fremde Kind säugende Ammen verdienten wesentlich besser als Ammen, die ein Kind bei sich aufnahmen und es zusammen mit einem eigenen stillten. Auswahl und Verpflichtung einer Amme geschahen wegen der großen Nachfrage schon vor der Geburt. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Amme im Temperament der Mutter glich, da man annahm, dass die Milch den Charakter der Stillenden auf das Kind übertrüge. Durch das Nährammenwesen ergab sich für die Frauen gehobener Schichten durch Verkürzung der Laktationsmenopause eine Erhöhung der Kinderzahl, während für die aus den Unterschichten stammenden Ammen eine Geburtenminderung resultierte. (s. Empfängnisverhütung)
Als Trockenamme – im Gegensatz zur Säugamme – wurden Kindermädchen und Pflegemütter benannt. Anleitungen für das Geschäft der Säugamme waren in den ®Regimina sanitatis enthalten.