Gerber

Aus Mittelalter-Lexikon
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Gerber (mhd. gerwe, gerwer, ahd. gerwere; v.ahd. garawen = garmachen, zubereiten; auch lederaere, leder-gerwe; mlat. cerdo, corifex, coriarius). Lederverarbeitende Handwerker, wie die ®Schuster, ®Riemer, ®Sattler, ®Kürschner usf., stellten ursprünglich ihr Ausgangsmaterial durch Behandlung von Tierhäuten selbst her. Erst seit dem 14.Jh. waren selbständige, zünftige Gerberberufe bekannt, jedoch blieben Streitigkeiten aufgrund der unklaren wechselseitigen Abgrenzung von lederbereitenden und lederverarbeitenden Handwerken sowie der einzelnen Gerberberufe untereinander an der Tagesordnung.
Die rohen ("grünen") Häute wurden im Äscher (einem Bottich mit Kalk oder Pottasche) eingelegt, danach in der Wasserwerkstatt in fließendem Wasser gespült, bevor mit dem Scherdegen Fleisch- und Fettreste sowie Haare bzw. Wolle entfernt wurden. Nach erneutem Spülen kamen die Häute in die mit Lohbrühe gefüllten Gerbergruben (Ziehlöcher), wo der eigentliche Gerbprozess ablief, der – je nach Dicke der Häute – bis zu drei oder fünf Jahren dauern konnte. Eine wesentliche Beschleunigung des Gerbprozesses ergab sich bei der Fassgerbung, bei welcher die Häute in Fässern mit Flotten von steigender Konzentration eingelegt und immer wieder hin und her gerollt wurden. Nach einer letzten Spülung in der Wasserwerkstatt hängte man die Häute zum Abtropfen über Stangengerüste, danach kamen sie auf den Trockenboden unter dem Dach des Färberhauses. Der letzte Arbeitsgang war das Zurichten durch Walken, Glätten, Falzen, Spalten und Abgleichen der Ränder. Die aufwendigen Häuser der Rotgerber mit Lager, Werkstatt und mehrstöckigen Trockenböden mit Aufzug waren wegen des enormen Wasserverbrauchs am Fluss gelegen, der Geruchsbelästigung und Wasserverschmutzung wegen am Stadtrand, wo das Wasser aus dem Stadtgebiet abfloss und die übel stinkenden Spülwässer und Flotten "entsorgte". Auf diese Weise entstanden geschlossene Gerberviertel.
Gerber, vor allem die Rotgerber mit ihrem kapitalaufwendigen Arbeitseinrichtungen, zählten zu den vermögenden, im SMA. oft im Rat vertretenen Handwerkern (Frankfurt a.M., 1350; Nürnberg, 1370). Die Rot- oder Lohgerber (mhd. loher) stellten durch Lohgerbung (s. Gerberlohe) aus Häuten verschiedener Tierarten grobes Leder für Sättel, Riemen, Ledereimer, Zaumzeug und Schuhe her.
Weißgerber (mhd. irher, ircher; mlat albicerdo) machten aus Kalbs-, Schaf- und Ziegenleder durch Salzgerbung (mit Kochsalz oder ®Alaun) weiches Bekleidungsleder, Leder für Bucheinbände und Tapeten. (Das Tragen von Wildlederkleidung war Vorrecht des Adels.)
Sämischgerber machten aus Schafs-, Ziegen-, Kalbs- oder Rotwilddecken durch Walken mit Öl, Tran, Talg oder Fett wasserdichtes Sämisch- oder Waschleder für Kleidungsstücke und Handschuhe. Die mit Fett oder Tran gesättigten Häute wurden gespannt und in Kammern bei ca. 40° C zum Trocknen aufghängt; danach wurde überschüssiges Fett in einem Sodabad entfernt und nach letztmaligem Walken und abschließendem Glätten konnten sie verarbeitet werden.
Spezielle Feinledersorten stellten die Rotlöscher (Löschmacher) her; Korduwaner (auch Corduaner oder Kuderwanner) machten buntes Leder (s. korduwan) aus Schaf- und Ziegenhäuten sowie aus den Decken von Kälbern und Jungeseln, und fertigten daraus modisches Schuhwerk sowie "Trommelfell" für die Trommelmacher.
Die beim Scheren gewonnenen Haare wurden weiterverwendet, etwa von ®Filzern oder ®Hutmachern.