Köhler

Aus Mittelalter-Lexikon
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Köhler (mhd. koler, köler, kole-, ascheberner; mlat. carbonarius). Der rußige Köhler, der wäldlerische Einzelgänger, ist eine unverwechselbare Erscheinung der ma. Arbeitswelt. Sein Produkt, die ®Holzkohle, war eines der meistbegehrten Handelsgüter des MA. Die Arbeitsstätte des Köhlers, der sein Gewerbe oft als bäuerlichen Nebenerwerb betrieb, war der Wald. Hier wurde im Winter Holz (meist dünne Buchentriebe, „Stangenholz“) niedergelegt und nach dem Trocknen im Meiler verkohlt. (Mhd. miler; wahrsch. v. mlat. miliarium = 1.000 Stück [von Holzscheiten]). Bis zum SMA. überwog die "Grubenköhlerei", bei der das Holz in einer Erdgrube (kolgruobe) aufgeschichtet und mit Grassoden abgedeckt wurde. Im 15. Jh kam der hügelförmige "Platzmeiler" auf, der aus Scheiten von Buchen-, auch von Kiefern- und Eichenholz bestand, die um einen zentralen Kamin aus gespaltenen Stangen, den "Quandelschacht", geschichtet waren, und mit einer feuerfesten Schicht aus Grassoden und Erde abgedeckt wurden, um den Luftzutritt zu hemmen. Große Platzmeiler bestanden aus bis zu 30 Klaftern (= ca. 90 Festmeter) Holz, das in einem Volumenverhältnis von 3 : 1 (Gewichtsverhältnis etwa 8 : 1) in Holzkohle umgewandelt wurde. Grubenmeiler wurden nur noch zur Verkohlung von Stumpf- und Wurzelholz (Stubben) angelegt.
Der Köhler hauste in einem primitiven Unterstand direkt am Meiler, da er den Abbrand je nach Windstärke ständig regulieren und auf der Hut vor dem "Durchgehen" des Meilers und vor Waldbrand sein musste. Die Brandsteuerung des Meilers geschah, indem man Löcher in die Abdeckung stach und wieder verschloss. Bei einer Temperatur von 300-350° C wurden flüchtige Bestandteile (Wasser, ®Teer, Kohlensäure, Kohlendioxyd, Kohlenwasserstoff) ausgetrieben und der Kohlungsprozess setzte ein. Aus der Farbe des entweichenden beißend riechenden Rauches schloss der Köhler auf den Fortschritt des Verkohlungsprozesses. Je nach Größe und Witterung konnte der Meiler nach etwa einer bis zu mehreren Wochen ausgeräumt werden. Holzkohle war in Erz- und Glashütten, in Hammerwerken und Schmieden, in Eisengießereien, Glashütten, Kalkbrennereien, Ziegeleien und Salinen der einzige Brennstoff; wegen des riesigen Bedarfs verursachte die Köhlerei gebietsweise ruinösen Raubbau in den Wäldern. Für die Herstellung eines Gewichtsteils Eisen benötigte man viereinhalb Gewichtsteile Holzkohle, die wiederum aus 36 Gewichtsteilen Kohlholz gewonnen wurden; hierfür mussten ca. 1,5 ha 16- bis 18-jähriger Buchenwald gerodet werden. Um auf gerodeten Waldflächen möglichst schnell wieder Kohlholz ernten zu können, nutzte man die aus den stehengebliebenen Wurzelstöcken nachwachsenden Stämmchen („Stockausschläge“); auf diese Weise entstand aus dem ursprünglichen Hochwald ein Niederwald („Kohlhecken“).
Mancherorts folgten Bergwerks- und Hüttenbetrieb der nach Ausbeutung der Wälder weiterrückenden Köhlerei, da die benötigte Holzkohle ein erheblich größeres Transportvolumen darstellte als das Erz, und weil sie außerdem durch den Transport erheblich an Qualität verlor.
Vom 13. Jh. an entstanden strafbewehrte Rechtsvorschriften zur Köhlerei; sie zielten auf die Erhaltung der Waldbestände, indem sie Art des zu schlagenden Holzes, Anzahl der Kohlstellen in einem bestimmten Areal, Wiederaufforstung und Holzkohleausfuhr aus dem Herkunftsbezirk reglementierten.