Quaestio

Aus Mittelalter-Lexikon
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Quaestio (lat., = Frage, Streitfrage; nach Boethiuis ist eine quaestio eine zweifelhafte Aussage: „Quaestio est dubitabilis propositio“). Scholastische Denk- und Lehrmethode der Theologen und Juristen, die auf aristotelische Disputationsregeln (enthalten in „Topik“ und „Nikomachische Ethik“) zurückgeht. Durch These, Antithese, Disput und determinatio (abschließende Stellungnahme) soll unvoreingenommene Problemlösung an die Stelle starrer Dogmatik treten. Die institutionaliserte Form der quaestio disputata war folgende: Zunächst wird das Problem (problema, dubitatio) in Frageform, nämlich ob es sich so oder anders (utrum ... an) verhalte, vorgestellt. Häufig wird dabei die Frage in einzelne Teile („articuli“) aufgegliedert. Der Opponent führt seine Argumente im sogenannten „videtur quod“ auf, der Proponent antwortet im „sed contra“. Im „Respondeo dicendum“ („Corpus articuli“) wird unter Zuhilfenahme der Logik die Entscheidung der Frage („Determinatio magistralis“) herbeigeführt. Abschließend werden unter Berücksichtigung dieser Entscheidung die Argumente pro und contra gewertet (ad rationes).
Nach Augustinus, der selbst quaestiones geschrieben hat, ist die Methode interrogando et respondendo die beste zur Erforschung der Wahrheit. Der gleichen Meinung war Peter Abaelard: „maximum exercitium inquirendae veritatis“.
In der quaestio quodlibetalis wurden verschiedene theologische oder philosophische Fragen behandelt; die quaestio collationum wurde als Übungskurs für Studenten gehalten; die quaestio disputata behandelte eine definierte Einzelfrage; zur Erlangung des Magisteriums musste eine quaestio in aula bestanden werden. Theologische Lehrbücher der Scholastik (Summen) waren meist in der Form von quaestiones gegliedert.
(s. Disputatio, sic et non)