Stundengebet

Aus Mittelalter-Lexikon
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Stundengebet (Horen, Horae canonicae, v. lat. horae = Stunden; auch: Offizium, Tagzeiten). Aus dem jüdischem Brauch des "immerwährenden Gebets" übernahm die christl. Kirche vom 4. Jh. an die frühmorgendliche nocturn (matutin) und die abendliche vesper (urspr. lucernarium). Im Mönchtum kamen Terz, Sext und Non dazu. Die morgendl. Gebetsstunde wurde später in Matutin und Laudes zweigeteilt, außerdem wurde eine zweite Morgenhore (Prim) und eine zweite Abendhore (Komplet) eingeführt. Dieser Stand des kirchl. Stundengebets (der sieben oder acht Horen) war im 6. Jh. erreicht und in der Benediktregel festgeschrieben. (Gemäß Ps. 118, 164 „Siebenmal des Tags sing´ ich dein Lob“ und „Um Mitternacht erhob ich mich, um dich zu preisen“.) Das Offizium (lat., = Pflicht [-gemäße Gebetsleistung]), welches den Tagesablauf der Ordens-, später auch der Weltgeistlichen so strukturierte, dass alles zu der dafür bestimmten Zeit („horis competentibus“) geschehe, bestand aus den folgenden Gebetsstunden (horae canonicae, dargestellt für die erste Novemberhälfte in Monte Cassino zu Zeiten Benedikts; die Zeitangaben sind – entsprechend der zeitgenössischen Messungenauigkeit – als Näherungen zu verstehen):
1.) Nokturn um 2 Uhr bis 3.30 Uhr morgens (vom 11. Jh. an Matutin genannt).
2.) Matutin (in den consuetudines vor dem 11. Jh. Laudes genannt), 5.00 – 5.45
3.) Prim (hora prima, die erste Stunde nach röm. Tageseinteilung) um 6 Uhr
4.) Terz (dritte) um 9 Uhr
5.) Sext (sechste) um 12 Uhr, Zeit des Mittagsmahls
6.) Non (neunte) um 15 Uhr
7.) Vesper (hora vesperalis, Abendgebet) um etwa 16.30
8.) Komplet (completorium = Abschluss, Nachtgebet) gegen 17.30 Uhr. Anschließend daran legten sich die Mönche zur Ruhe.
Die Zeiten verschoben sich je nach Jahreszeit und geographischer Breite. (Ende Juni hätten sich in Monte Cassino die Mönche um 1 Uhr zur Nokturn erhoben und wären nach der Komplet um 20 Uhr schlafen gegangen. Dies war in Mittelitalien die Zeit des sommerlichen Sonnenuntergangs, der das Ende des abgelaufenen und den Anfang des neuen Tages markierte.) Die Zeitmessung geschah durch Himmelsbeobachtungen und mittels verschiedener Messgeräte (z.B. Wasser-, Öl- oder Kerzenuhren, später Räderuhren) und wurde nach dem Zeitpunkt des Sonnenunter- und Aufgangs immer wieder neu justiert. Tags läutete der Bruder Horologiarius (Horoskopus) die Gebetsstunden mit der Klosterglocke aus, nächtens weckten wachende Brüder („vigilgallos“) die Schläfer mit einer Schelle zum Gebet.
Zum Inhalt des Stundengebets gehören Psalmenlesungen samt Responsorien, Lesungen aus Schriften der Kirchenväter und aus Heiligenlegenden, Hymnen, Oratorien (Gebete), Antiphone (Wechselgesänge) usw. Die "kleinen Horen" des Tages waren kürzer als die Matutin oder die Vesper, um die für Arbeit oder Kontemplation verfügbare Zeit nicht zu sehr einzuschränken.
(s. Brevier, Gebetläuten, Psalmenuhr)