Thomas von Aquin

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Thomas von Aquin (Th. Camisiensis, "Doctor communis", "Doctor universalis et angelicus", "lumen ecclesiae"; 1224 - 1274). Geboren als Sohn eines süditalienischen Adligen aus dem Hofkreis Friedrichs II. auf der Burg Roccasecca bei Aquino, im Alter von fünf Jahren zur Grundausbildung in die Benediktinerabtei Monte Cassino gegeben, mit 14 Jahren Artes-Student an der Universität Neapel, seit 1244 gegen den Willen seiner Familie Dominikaner, 1248 - 1252 Schüler des Albertus Magnus, zunächst in Köln, dann als Baccalaureus zum weiteren Studium in Paris. Der "Aquinate" erwarb dort 1256 das Magisterium, promovierte und lehrte Philosophie und Theologie am Studienhaus seines Ordens. 1259 - 1262 wirkte er am Hof Papst Urbans IV. in Orvieto. 1264 wurde er nach Rom geschickt, um dort ein Studienhaus für Dominikaner an der Kirche Santa Sabina zu gründen. Hier lehrte er zwei Jahre, bevor er an die Kurie von Papst Clemens IV. nach Viterbo berufen wurde, um die Wiedervereinigung der östl. mit der röm. Kirche vorzubereiten. 1268 - 1271 Lehrer in Paris, 1272 - 1274 in Neapel, um ein Studium generale seines Ordens aufzubauen. Auf dem Weg von dort zum Konzil in Lyon starb er 1274 in dem Zisterzienserkloster Fossanuova bei Terracina; 1322 wurde er heiliggesprochen. Sein Grab befindet sich in der Jakobinerkirche zu Toulouse, wohin die Reliquien 1369 überführt worden sind. 1567 wurde Thomas zum Kirchenlehrer erklärt.
Thomas von Aquin war der bedeutendste Philosoph und Theologe des MA. Er zeichnete sich aus durch Prägnanz der Diktion, Durchsichtigkeit der Argumentation, Verwertbarkeit seiner Schriften sowohl für den Schulbetrieb als auch für die Interessen seines Ordens und für die Herrschaftsansprüche der Päpste. Sein Denken führte zum Gipfel der Hochscholastik und war Ausgangspunkt für die Schule des ®Thomismus. Auf seinen häufigen Reisen hat Thomas zu Fuß Strecken zurückgelegt, die auf ca. 15.000 km berechnet worden sind.
Thomas wollte Glauben und Vernunft versöhnen. Aus didaktischen Gründen musste er jedoch Glaubenswissen und Naturerkenntnis erst säuberlich trennen. Er lehrt, dass dem Menschen ein natürliches Wissensverlangen eigentümlich ist, dass Gott dem menschlichen Geist die Kraft des Verstandes (lumen intellectus) verliehen habe und dass Erkenntnis erst durch das Hinzutreten des Glaubens vollendet werde. Alle Wege menschlichen Erkennens führten jedoch letztlich in ein Geheimnis. Und: Das Äußerste an menschlichem Wissen um Gott sei, zu wissen, dass wir Gott nicht wissen können ("Hoc est ultimum cognitionis humanae de Deo: quod sciat se Deum nescire").
Die Ethik basiert nach Thomas darauf, dass alles Seiende naturgesetzlich nach dem Guten strebt. Zu den vier Tugenden der antiken Philosophie (Weisheit, Mäßigkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit) fügt Thomas die christl. Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Die ersteren können vom Menschen durch Übung erworben werden und führen zu einer natürlichen, daher unvollkommenen Glückseligkeit. Die christl. Tugenden sind von Gott "eingegossen" und und führen zur vollkommenen, ewigen himmlischen Glückseligkeit.
Die Sexualethik des Aquinaten entspricht der des Augustinus, d.h. sie ist frauenfeindlich, lustfeindlich und prozölibatär. Thomas versachlicht die Frau geradezu: er spricht vom "Gebrauch der natürlichen Dinge, der Frau, die für die Erhaltung der Art notwendig ist, oder der Nahrung oder der Getränke". Die wissenschaftliche Untermauerung seiner Frauendiffamierung entlehnt Thomas bei Aristoteles: Die Frau verdankt ihr Frausein einer Entwicklungsstörung, sie ist ein "defekter" Mann; die Frau neigt, weil sie mehr Wasser enthält als der Mann, eher zur Geschlechtslust und ist auch von minderer Vernunft; häufiger Geschlechhtsgenuss führt zu Geistesschwäche, die Vernunft wird von der Lust aufgesogen. "Wissenschaftliche" Ansichten früherer, auch vorchristlicher Autoritäten wurden auch von Thomas kritiklos übernommen – soweit sie ins kirchliche Lehrkonzept passten. Zu den Verpflichtungen des Glaubens rechnet Thomas die gewaltsame Zurückhaltung aller Getauften, die das Christentum verlassen wollen ("haeretici sunt compellendi ut fidem teneant"). Hartnäckige Häretiker sollen dem "weltl. Arm" übergeben werden, damit dieser sie ausrotte (sie seien "exterminandum per mortem").
Die Juden seiht Thomas als zu ewiger Knechtschaft verdammt und folgert, „dass die Fürsten über deren irdische Güter wie über ihr Eigentum verfügen“ könnten.
Thomas unterscheidet als erster zwischen Glauben und Wissenschaft und erkennt die Philisophie als eigenständige Wissenschaft an, ohne jedoch daraus einen Gegensatz zur Theologie abzuleiten. Die wissenschaftliche Erkenntnis hat indes ihre Grenzen und bedarf zu deren Überwindung des Glaubens; insoweit kann die Philosophie als der Theologie untergeordnet betrachtet werden (philosophia praeambula fidei). Bei dem Streben nach Vollendung in Gott sprach er dem Intellekt und nicht dem Willen die entscheidende Bedeutung zu.
In "De regime principum" (Über die Fürstenherrschaft) entwickelt er politische Ideen über Rechte und Pflichten der Fürsten in einem christlichen Staat. - Im ®Universalienstreit stand Thomas auf der Seite der gemäßigten Realisten; er ging von drei Seinsarten der Allgemeinbegriffe aus: sie seien als Muster im Geiste Gottes unabhängig von den Dingen (universalia sunt ante rem), sie bestimmten das der Erkenntnis zugängliche Wesen der Dinge (universalia sunt in re) und sie bestünden im menschlichen Geist als von den Dingen abstrahierte Begriffe (universalia sunt post rem).
Das gewaltige literarische Werk des Aquinaten lässt sich nach folgendem Schema gliedern:
1.) Philosophische Kommentare zu den wichtigsten Schriften des Aristoteles und zum "Liber de causis" des Proklos aufgrund von Übersetzungen des Wilhelm von Moerbeke (s. Übersetzer). Mit seinen Kommentaren löste er die unzureichenden Kommentare des Averroes und seines Lehrers Albert ab.
2.) Theologische Kommentare zu vielen Büchern des Alten und Neuen Testamentes und die "Catena Aurea", eine als Handbuch für Prediger gedachte Sammlung von Kommentaren zu den vier Evangelien, verfasst im Auftrag Urbans IV.
3.) Theologische Kommentare zu den Werken des Boethius ("De Trinitate", "De hebdomadibus"), des Pseudo-Dionysius ("De divinis nominibus") und des Petrus Lombardus ("Liber sententiarum").
4.) Werke theologischer Synthese: "Scriptum super sententiis"; "Summa contra gentiles" ("Gegen die Heiden", auch bekannt unter dem Titel „Über die Wahrheit des kathol. Glaubens“; 1261 - 64; eine Missionierungsanleitung, in der die zu vermittelnden Glaubenssätze eingängig präzisiert werden; vier Bücher mit jeweils ca. 100 Kapiteln); "Summa theologica" (an diesem seinem Hauptwerk schreibt Thomas von 1266 bis kurz vor sein Lebensende. Am Nikolaustag des Jahres 1273 beendet er, mitten im Traktat über das Bußsakrament, sein Werk – wahrscheinlich aufgrund eines visionären Erlebnisses. Er soll gesagt haben: "Alles was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Spreu – verglichen mit dem, was ich geschaut habe". Die Summa stellt den grandiosen Versuch dar, die gesamte christliche Theologie in einem einzigen Werk zu behandeln); "Compendium theologiae" (ebenfalls unvollendet).
5.) Niederschriften akademischer Disputationen ("Quaestiones disputatae", "Quaestiones quodlibetales").
6.) Kleinere Werke (Opuscula)
a) philosophische ("De ente et essentia", "De aeternitate mundi", "De unitate intellectus contra Averroistas", "De substantiis separatis", "De veritate", "De anima", "De malo" u.a.)
b) theologische ("De articulis fidei et Ecclesiae sacramentis", "De regimine Judaeorum", "De potentia Dei" u.a.)
c) apologetische ("De rationibus fidei contra Saracenos, Graecos et Armenos", "Contra errores Graecorum")
d) Schriften zur Propagierung der Idee der Bettelordensschulen ("Contra impugnantes Dei cultum", "De perfectione vitae spiritualis" u.a.)
e) Schriften frommen, liturgischen, kanonistischen und homiletischen Inhalts (z.B. das Offizium zum Fronleichnamsfest und die "Expositio de Ave Maria").