Wasserleitungen

Aus Mittelalter-Lexikon
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Wasserleitungen (mhd. wazzerleite, -ganc, -runst). Zuleitungen für Trink- und Nutzwasser waren eine anspruchsvolle und kostenträchtige Ingenieursleistung und wurden im MA. zunächst für Klöster und Königspfalzen angelegt (ab dem 6. - 10. Jh.) Sie funktionierten nach den Prinzipien von Schwerkraft und kommunizierenden Röhren und bestanden aus Ton- oder Holzrohren. Wo es die Geländestruktur zuließ, errichtete man zwischen Quellfassung und Entnahmestellen einen Hochbehälter (wazzerstube), von dem aus das Frischwasser mit gleichbleibendem Druck zu den Bestimmungsorten (Brunnenhaus, Küche, Krankenstation, Brauhaus) geleitet wurde. (Beispiel: Kloster Christchurch in Canterbury, 12. Jh.)
Für die städt. Wasserversorgung standen zunächst nur ®Brunnen und Fließgewässer zur Verfügung. Erst vom HMA. an kamen – gestützt auf die Erfahrungen der Mönchsingenieure – röhrengespeiste Laufbrunnen auf (z.B. Breslau 1272, Lübeck 1291-1294, Schaffhausen 1315, Freiburg/Br. 1317, Bern 1393, Nürnberg 1396, Zürich 1430). Das Wasser wurde von höher gelegenen Quellen in hölzernen Rohren dem Gefälle folgend in die Stadt geführt, später auch durch ein Schöpfrad in einen Hochbehälter gehoben, von wo aus es in das Röhrennetz drücken konnte. Für die Einrichtung und Instandhaltung des Leitungssystems war der städtische Bauhof oder ein eigener Werkhof, der Deichelhof, verantwortlich. Die Rohre (mhd. tiuchel) bestanden aus längsdurchbohrten 3 - 7 m langen Stämmen (von Föhren, Eichen oder Fichten), waren untereinander mit Röhren aus Eisen, Kupfer, Zinn, Messing oder Blei verbunden und mussten materialbedingt sehr häufig ausgewechselt werden. Zur mangelhaften Haltbarkeit kam der Nachteil hohen Wasserverlustes an leckenden Verbindungsstellen. Innerhalb der Stadt experimentierte man – mit wenig Erfolg – auch mit Leitungsrohren aus Ton, Eisen oder Blei. Mancherorts wurden ganze Bäche in künstlichen Gerinnen in die Stadt geleitet, so z.B. das Wasser der Brigach in die Stadt Villingen (1364). (Zur Herstellung der Rohre s. Brunnen)
Erste Wasser-Hochbehälter (Wasser-, Brunnentürme, Wasserkünste, -werke) zur Speisung städtischer Brunnensysteme entstanden im 13. Jh. So errichteten zwischen 1291 und 1294 Lübecker Brauer einen Wasserturm, der durch Schöpfräder mit Wasser aus der Wakenitz beschickt wurde. Von dem Wasserturm aus gelangte das Wasser durch Holzrohre („pipen“) zu den Brauhäusern. Die Einrichtung erwies sich als derart erfolgreich, dass schon 1302 eine weitere Wasserkunst vor dem Lübecker Burgtor angelegt wurde. - Um 1412 bauten die Augsburger das Brunnenwerk am Roten Tor; drei Drucktürme wurden mittels Archimedischer Schrauben mit Wasser beschickt, das dann durch das natürliche Gefälle 309 privaten und 24 öffentlichen Brunnen zugeführt wurde. 1450 baute die Stadt einen weiteren Befestigungsturm zum Wasserturm um. Seit dem 14. Jh. wuchs manchen Brunnen in prominenter Lage auch die Rolle eines städtischen Repräsentationsbaus zu; als Beispiele seien genannt: der Fischmarktbrunnen in Basel, der Braunschweiger Altstadtmarkt-Brunnen, der Marktbrunnen zu Rottenburg und der Schöne Brunnen zu Nürnberg.
Als technische Besonderheit sei die „Alte Wasserkunst“ in Bautzen angeführt, erbaut 1496, 1558 in ihrer heutigen Gestalt fertiggestellt. Das Wasserhebewerk ist in einem siebenstöckigen Rundturm untergebracht, in dessen Untergeschoss das Wasser der Spree durch ein Stauwehr geleitet wird. Dort wurde durch ein Wasserrad ein System von Kolbenpumpen angetrieben, welches das Wasser in einen Hochbehälter hob, von wo aus es den städtischen Brunnen zugeleitet wurde.
Am Ende des MA. soll es im Deutschen Reich 47 Orte mit Wasserleitungen gegeben haben, darunter – außer den schon genannten – Augsburg, Bautzen, Braunschweig, Bremen, Dresden, Goslar, Hannover, Innsbruck, Leipzig, München, Meran, Regensburg, Rostock, Ulm, Wien und Zürich.
Für Einrichtung, Betrieb und Instandhaltung der Leitungsnetze und Wasserkünste waren Genossenschaften zuständig. Initiatoren des Leitungsbaus waren in vielen Städten die Brauer, denen an stats verfügbarem sauberen Wasser gelegen sein musste. Die Ingenieure, welche die praktische Umsetzung des Leitungsbaus besorgten, wurden „Kunstmeister“ genannt.
Bei allem Bemühen, Trinkwasser allgemein verfügbar zu machen, blieb dieses bis in die Neuzeit rar und galt als Handelsartikel. Wasserträger und –trägerinnen verkauften das Wasser fassweise an die Haushaltungen. Der Pächter eines Schöpfrades, das in Hannover Wasser aus der Leine förderte, verkaufte 1352 die „Tonne“ (ca. 200 ltr.) zu einem Preis von 8 Pfennigen, was etwa dem Lohn an einem Sommerarbeitstag entsprach.