Wolle

Aus Mittelalter-Lexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wolle (mhd., wahrscheinlich = das [Aus]gerissene, Gerupfte). Das Haarkleid der ®Schafe lieferte das neben Flachs (Lein) wichtigste Ausgangsmaterial für Kleiderstoffe. Je nach Schafrasse und Körperregion („Wollfeld“) unterscheidet sich die Wolle hinsichtlich Faserlänge, Stärke und Kräuselung sowie nach dem Mengenverhältnis zwischen Ober- bzw. Grannenhaar und Unter- bzw. Flaumhaar. Die Wolle wurde als zusammenhängendes "Vlies" vom Tierkörper geschoren, grob gesäubert und gewaschen, danach getrocknet, mit dem Wollbogen geschlagen (um die Stapel zu lockern und die Fasern gleichmäßig zu verteilen), anschließend – sofern sie beim Waschen zu sehr entfettet worden war – wurde sie geschmälzt (nachgefettet, da Wolle zur Weiterverarbeitung Fett enthalten musste). Letzter Bearbeitungsgänge waren das Kämmen (auf Kämmen mit langen Zinken) und das Krempeln (mit Handkarden mit vielen kurzen Zinken); dabei wurden die Fasern durch Längsausrichten zum Spinnen fertig gemacht und längere von kürzeren Fasern (Deck- und Unterhaar) getrennt. Die langen Fasern eignen sich besser für festes Kettgarn; außerdem ergeben sie glatteres und dünneres ®Garn, welches zu hochwertigem, dünnen Tuch verwebt wurde; kurzfaserige Unterwolle ergab besonders wärmendes Gewebe.
Handwerkliche Verordnungen der Tuchmacherei betrafen u.a. die Qualität der Rohwolle: so waren Ankauf und Verarbeitung von Wolle, die von toten Schafen nach Eintritt eines Gärungsprozesses gerupft worden war (mhd. ropwolle/Rupfwolle, i. Ggs. zu Schurwolle), streng verboten. Garn durfte ausschließlich bei Zunft- oder Gildebrüdern eingekauft werden. Bevor der Stoff in den Handel gelangte, wurde er durch einen Zeichenmeister (teckemeister) hinsichtlich seiner Qualität geprüft, und bei Nicht-Beanstandung mit einem Zeichen versehen.
Die erwähnten vorbereitenden Arbeiten wurden teils von "Wollschlägern" (mhd. wolleslaher, -sleger, wollener, wollner), teils von Knechten oder ungelernten Lohnarbeitern besorgt. Das Kämmen und Krempeln war vielfach Frauenarbeit, das ®Spinnen und Spulen wurde ausschließlich von Frauen besorgt. Vom Wollweber (mhd. wollenwerker, -würker; lat. lanificus; s. Weber, Webstuhl) kam der Stoff zum Walken, wobei es durch Verfilzen der Wollfasern nässeabweisend und winddicht gemacht wurde (s. Walker, Walkmühlen). Da das Gewebe beim Walken seine Form verlor und um ein Drittel seiner Länge und bis zur Hälfte seiner Breite eingging, musste es anschließend in Rahmen gespannt werden, um beim Trocknen wieder annähernd in die alte Größe und in die alte Form zu kommen. Nach dem Spanntrocknen folgten Färben, nochmaliges Spannen und Trocknen, abschließend Aufrauhen mit der ®Distelkarde, Scheren und Legen (Falten).
Der Schafschurtermin richtete sich meist nach der Lammzeit. Bei Herden mit Herbstlammung wurde in Mai geschoren, bei der üblichen Lammzeit im Frühjahr wurde enteder vor der Lammzeit im Februar/März oder erst nach der Lammzeit im Mai geschoren.
Die Wollverarbeitung war in der bäuerlichen Selbstversorgungswirtschaft Arbeit für den Winter, wenn keine Feldarbeiten anstanden.
Für die Herstellung von Wollstoffen gewöhnlicher Qualität verwendete man Wolle lokaler Herkunft. Tuchmanufakturen in Flandern oder Italien, die sich auf hochwertige, schwere Stoffe spezialisiert hatten, bevorzugten die kurzschürige, feingekräuselte englische Wolle. Diese wurde in riesigen Mengen exportiert: 1305 umfasste die Ausfuhr mehr als 45.000 Säcke (auf einen Sack ging die Wolle von ca. 220 Schafen, sodass für 45.000 Säcke ca. 10 Millionen Schafe geschoren worden waren). Mit der englischen Wolle konnte nur spanische Wolle aus Kastilien und Leon konkurrieren; diese stammte von Schafen, die im 14. Jh. aus Nordafrika eingeführt worden waren und nach der dortigen Herrscherdynastie der Meriniden als Merinos bezeichnet wurden. Nachdem um die Mitte des 14. Jh. die englische Wolle mit hohen Exportzöllen belegt worden war, wurde sie von der qualitativ gleichwertigen aber billigeren spanischen Wolle verdrängt.
Die Segel der Wikingerschiffe sollen aus der Wolle besonders langhaariger Schafsrassen gewebt gewesen und zu einem Stoff gewalkt worden sein, der "vadmál" genannt wurde und wasserabweisend war.
(s. Haspel, Loden, Walker)