Brüder und Schwestern vom Freien Geist

Aus Mittelalter-Lexikon
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Brüder und Schwestern vom Freien Geist. In der zweiten Hälfte des 13. Jh. traten in den Erzbistümern Mainz, Trier und Köln Beginen und Begarden auf, die ohne festen Wohnsitz von Bettelei lebten, dem einfachen Volk predigten und dabei Irrtümer und falsche Lehren verbreiteten. Sie teilten die Menschheit ein in die „Rohen im Geiste“ (die das göttliche Potential in sich nicht entwickelt hatten) und die „Feinen im Geiste“, denen sie sich selbst zurechneten. Sie sahen sich im Besitz der höchsten geistigen Privilegien und keiner moralischen Beschränkung unterworfen. Die Kirche und ihre Gebote sowie weltliche Ordnungen hielten sie für völlig bedeutungslos. Auf mystisch-schwärmerische Weise fühlten sie sich gottgleich oder mit Gott vereinigt. Diese Sebstvergottung ließ sie zu dem Glauben kommen, an kein Gesetz gebunden zu sein, Herr über alle existierenden Dinge zu sein und nach Gutdünken darüber verfügen zu können. Die ketzerischen, vagabundierenden, amoralischen Freien Geister, von denen sich die in klosterähnlicher Gemeinschaft lebenden Begarden und Beginen sehr wohl unterschieden, wurden (wie aus der Bulle „Cum de quibusdam“ von Papst Clemens V. hervorgeht), von der Inquisition, wo immer man ihrer habhaft werden konnte, angeklagt und abgeurteilt. Prozesse sind im 14./15. Jh. für Basel, Straßburg und Wien, für Köln, Mainz, Würzburg und Nürnberg, für Brüssel, Lübeck, Breslau, Prag, Leipzig, Erfurt und viele andere Städte belegt. Im 15. Jh. verschwand die Sekte. Sie war wegen ihres betonten Individualismus', ihrer Anarchie, wohl auch wegen ihrer mystisch gefärbten sexuellen Libertinität und des von einigen der Ihren beanspruchten Rechts auf Betrug, Diebstahl, Raub, Vergewaltigung und jedes andere Verbrechen nie zu einer Massenbewegung geworden.