Brennnessel

Aus Mittelalter-Lexikon
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Brennnessel (ahd. nezzila; mhd. nezzel, nezzelkrut; wiss. Urtica dioica; volkstüml. Große B., Faser-, Hanfnessel; Kleine Brennnessel, wiss. Urtica urens; der Name führt von den - einen brennenden Juckreiz auslösenden - Absonderungen der "Brennhaare", welche Blätter und Stängel überziehen. Die beiden Brennnesselarten werden meist nicht unterschieden; da die Große Br. jedoch viel öfter vorkommt, ist meist diese gemeint). Weltweit verbreitete, anspruchslose, getrenntgeschlechtliche Pflanze mit einer Lebensdauer von 10 bis 15 Jahren (Flachs und Hanf dagegen sind einjährig). Stängel und Blätter sind mit Brennhaaren besetzt. Der vierkantige Stängel wird 50 – 150 cm hoch und enthält in den Rindenkanten feine, seidige und reißfeste Fasern von einer durchschnittlichen Länge von 3 bis 5 cm. Die Fasergewinnung und –verarbeitung soll bis in die Bronzezeit zurückgehen. Im europ. MA. finden seit dem 10. Jh. Gewänder, Netze, Schiffstaue und Segel aus Nesselfasern Erwähnung. Zur Fasergewinnung wurde die Brennnessel im August geschnitten und durch „Rösten“, Trocknen, Brechen und Hecheln – ähnlich wie bei Flachs – aufbereitet; wegen des geringeren Fasergehalts (ca. 3% der Pflanzenmasse) und der geringeren Faserlänge war die Arbeit jedoch aufwändiger als bei Flachs. Die Verarbeitung der Nessel gewann vom 12. Jh. an immer größere Bedeutung; vom 15. Jh. an versuchte man, an Stelle der Ernte von Wildpflanzen Brennnesselkulturen anzulegen. (Anfang des 19. Jh. wurde sie durch den industriellen Anbau der Baumwolle verdrängt).
Außer als Faserlieferant diente die Brennnessel auch als Heilmittel; im „Macer floridus“ erscheint die Brennnessel als wahres Wundermittel: sie hilft bei Lebererkrankungen, Husten, Bauchschmerzen, Blähungen und Harnverhaltung ebenso wie bei unterschiedlichen Hautverletzungen und bei Hautkrebs, bei Gelenksleiden und bei Gicht. "Mit Wein genossen erregt Nesselsamen die Liebeskraft", umsomehr, wenn sie mit Honig und Pfeffer verriebn ist. - Hildegard ordnete die Nessel als „warme und trocknende“ Pflanze ein und empfahl u.a. Brennnesselsaft gegen Spulwurmbefall und einen Absud von Brennnessel, Diptam und Hauslauch gegen „Lähmung“ (wohl Rheuma und Gicht). - Bei Albertus Magnus findet sich ein Rezept mit Brennnesselfrüchten gegen Asthma.
In der Volksmedizin diente sie zur Heilung von „brennenden“, d.h. fiebrigen Krankheiten (s. Analogiezauber) und als Mittel gegen Halsentzündungen und Husten; Brennnessel-Samen galten als Aphrodisiacum und Fruchbarkeitsmittel, Brennessel-Wurzeln als Mittel gegen Blasen- und Prostatabeschwerden.
In Heilkunde und Volksmedizin wurde nicht zwischen Großer und Kleiner Brennnessel (Urica urens) unterschieden. Blätter von jungen Nesseln beider Arten wurden auch als Salat genossen. Mancherorts gehörte die Pflanze zu den neunerlei Kräutern des Gründonnerstagsgemüses, das vor Krankheiten schützen sollte..
Im Aberglauben galt sie – wie andere stachelige Pflanzen auch – als Mittel zur Dämonenabwehr, als Schutz vor Feuer und Gewitter („Donnernessel“).
Wirksame Inhaltsstoffe der Blätter und der Wurzel sind: Ameisensäure, Serotonin, Histamin, Acetylcholin, Natriumformiat, Vitamin C, Provitamin A, Mineralsalze, Gerbstoffe, Magnesium, Eisen, Chlorophyll und ätherische Öle.