Genecium

Aus Mittelalter-Lexikon
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genecium (mhd. genez; v. lat. genecium, grch. gyneceum, = Frauenarbeits-, Frauenwohnhaus). An Königpfalzen, größeren Fronhöfen und Klöstern gab es bis zum 12. Jh. Wirtschaftsgebäude, in denen i.d.R. bis zu 40 unfreie und halbfreie Frauen und Mädchen Textilarbeiten (textura feminae) vom Wollkämmen und Flachsbrechen bis zu Weben, Färben und Nähen verrichteten. In einem "Breviarium rerum fiscalium" (um 813) wird aus dem Königsgut Stefanswerth u.a. berichtet: ".. Es gibt daselbst eine Tuchmacherei, worin sich 24 Frauen aufhalten". Isidor von Sevilla: "Das Gyneceum ist griechisch so benannt, weil hier die Zusammenkunft der Frauen zur Wollverarbeitung geschieht". Die Arbeiterinnen bekamen vermutlich außer Nahrungsmitteln keinen Lohn, mussten gelegentlich dem Herren und seinen Günstlingen anderweitig zu Willen sein – wie die Bezeichnung columbarium (Taubenhaus) für ein derartiges Arbeitshaus nahelegt. Hartmann v. Aue beschreibt in seinem "Iwein" voller Mitleid Entbehrungen und Leid der Frauen. Dass er deren Zahl mit "an dreihundert" angibt, dürfte eher eine dichterische Übertreibung sein. Das karolingische "Capitulare de villis" fordert: "Unseren Genetien soll man ... rechtzeitig geben: Leinen, Wolle, Färberwaid, Scharlach, Krapp, Wollkämme, Karden, Seife, Fett, Gefäße und die restlichen kleinen Dinge, die dort benötigt werden". Archäologischen Befunden zufolge (Beispiel: Pfalz Tilleda, 10. Jh.) waren genecia langgestreckte Grubenhäuser in Pfostenbauweise und mit lehmbeschlagenen Flechtwänden. Die Abmessungen der beiden Grubenhäuser in Tilleda (29 x 6 m, bzw. 15,5 x 4,5 m) lassen auf die Unterbringung von 22 bzw. 24 Frauen je Haus schließen. – Im 11. Jh. kamen Gyneceen außer Gebrauch; die hörigen Frauen der Klöster und Herrenhöfe verarbeiteten die ihnen zugeteilten Mengen an Wolle und Flachs in häuslicher Arbeit zu Tuch, das Sie dann dem Grundherrn ablieferten. Stadtnahe Herrenhöfe ließen sich von städtischen Tuchmachern beliefern. (s. Fronhof, Weber)