Gerhoh von Reichersberg

Aus Mittelalter-Lexikon
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Gerhoh von Reichersberg (Gerhohus Reichersbergensis; 1093 - 1169). Der gebürtige Oberbayer studierte in Freising und Hildesheim, war vorübergehend Domherr und Scholastikus der Domschule in Augsburg und nahm 1123 an der Lateransynode teil, auf der ein von ihm vorgelegter Reformplan für den Weltklerus abgelehnt wurde. Nachdem er sich im Investiturstreit gegen seinen kaisertreuen Bischof gestellt hatte, musste er fliehen und zog sich gegen 1124 in das Augustinerchorherren-Stift Raitenbuch (Rottenbuch) bei Weilheim am Inn (Oberösterreich) zurück. Dort verfasste er 1130 sein "Buch vom Gebäude Gottes", ein Regelwerk über Kirchendisziplin. Im Jahre 1132 wurde er als Propst von Reichersberg berufen. Er setzte seine Bemühungen um die Einhaltung kirchlicher Zucht und der kanonischen Regeln fort und predigte in ganz Deutschland. Dabei traf er mit Otto von Freising, Bernhard von Clairvaux und Kaiser Friedrich I. zusammen. Sein Reformeifer und seine Polemik gegen die Habsucht der Kurie und päpstliche Weltherrschaftsgelüste brachte ihm auch Feindschaft bis hin zum Häresie-Vorwurf ein. Im Streit um die Nachfolge Hadrians IV. nahm Gerhoh Stellung für Alexander III. und gegen Kaiser Friedrich I. Barbarossa und dessen Gegenpapst Victor IV. (Streitschrift "De investigatione Antichristi"), und wurde daraufhin vom Kaiser gebannt.
Gerhoh gilt als einer der tiefsten theolog. Denker seiner Zeit. In seiner Schrift "Über die vierte Nachtwache" gliedert er die christl. Heilsgeschichte in vier Perioden, in denen jeweils von Gott Auserwählte in der Finsternis der Zeit Wache halten: die Apostel, die Märtyrer, die monastischen Kirchenreformer und letztlich die Zeitgenossen Gregors VII. und deren Nachkommen bis zum Weltende.
Weitere Werke: „De gloria et honore filii hominis“, „Liber contra duas haereses“, „De novitatibus huius temporis“, „Contra Simoniacos“, „De corrupto ecclesiae statu“, „Ad Cardinales de schismate“.