Hauswurz

Aus Mittelalter-Lexikon
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Hauswurz (Hauslauch, Dachwurz, Donnerkraut; mhd. huswurz; mlat. Jovis barba, sempervivum; botan. Sempervivum tectorum). Ausdauerndes (semper vivum = ewig lebend), anspruchsloses Dickblattgewächs mit rosettenartigem Wuchs und spitz zulaufenden fleischigen Blättern. Es ist bekannt unter vielen volkstümlichen Bezeichnungen wie Dachwurz, Donnerbart, Donnerkopf, Donnerkraut, Hauslauch, Wetterwurz u.a.m. (der Bezug auf Donner/Donar/Jupiter geht auf den Glauben zurück, dass ein von Hauswurz besiedeltes Dach vor Blitzschlag sicher sei.)
Wirksame Inhaltsstoffe der Blätter sind Gerb- und Schleimstoffe.
Im 4. Jh. v. u. Z. berichtet der grch. Naturgelehrte Theophrastus davon, dass H. auf Dachziegeln und Mauern wachse.
Der griech. Arzt Dioskurides (1. Jh. u. Z.) überliefert den antiken Glauben an die gewitterabwehrende Kraft der H. Außerdem empfiehlt er sie als Heilmittel gegen Geschwüre, Augenentzündungen, Brandwunden und Gicht.
In einem Capitulare, das Karl dem Großen oder seinem Sohn Ludwig d. Frommen (8./9. Jh.) zugeschrieben wird, wurde den Pächtern der kaiserl. Hofgärten zur Pflicht gemacht, H. als Mittel gegen Blitzschlag auf die Dächer zu pflanzen: „et ille hortulanus habeat super domum suam Jovis barbam“.
Hildegard v. Bingen (12. Jh.) empfiehlt zur Stärkung der männlichen Zeugungskraft die Einnahme von in Ziegenmilch eingelegten H.blättern. Den Saft aus H.-blättern hielt sie für ein für beiderlei Geschlecht wirksames Aphrodisiacum. Gegen Taubheit ließ sie Tropfen einer Mischung von Frauenmilch und dem Saft von Sempervivum in den Gehörgang träufeln.
In einem Kräuterbuch des 12. Jh. ist ein Rezept für eine Salbe (unguentum grecum ad caput) angegeben, dessen wesentliche Bestandteile Hauswurz (huswurz), Eppich (ephich), Lorbeerblätter (folia lauri) und Eberraute (Artemisia abrotanum) sind, und das bei Kopfschmerz und Wunden angezeigt sei.
Konrad v. Megenberg (14. Jh.) äußert sich in seinem „Buch der Natur“ über die magischen Kräfte der H. : „die maister/die sich fleizent zauberei/die sprechent daz ez den donr und daz himelplatzen verjag/und darumb pflanzet man ez auf den häusern“.
Der Arzt ®Johann Hartlieb (15. Jh.) nennt in seinem Kräuterbuch den Wert der H. als Medizin bei Leber- und Nierenentzündungen.
Der praktische Nutzen der Pflanze lag wohl darin, dass ihr Wuchs Strohdächer feucht hielt und verfestigte oder lose Dachplatten zusammenhielt und abdichtete.
In der sma. Volksmedizin galt – darin antiker Tradition folgend – eine Einreibung des männlichen Zeugungsorgans mit H.-saft als Potenzmittel. – Außer seiner lusterregenden Wirkung vertraute man auf seine Heilkraft bei vielerlei Leiden: von Krampfanfällen der Kinder (Frais) oder Zahn- und Augenschmerzen bis hin zu Taubheit, Milzbrand (das wilde Fieber), Lähmung der Glieder, Verbrennungen und trockenem Ekzem.
Was seine Rolle im ma. Aberglauben anbetrifft, so überliefert Johann Hartlieb in seinem „Buch der verbotenen Künste“ (1465) ein Rezept für eine Hexenflugsalbe, H. („barba Jouis“) enthaltend, der am Donnerstag gesammelt sein musste. Daneben nutzten Hexen H. auch zum „Wetterbrauen“. Im Viehstall aufgehängte H. schützte die Tiere vor Krankheiten.
In der ma. Pflanzensymbolik stand H. für das Ewige Leben.