Iatromechanik

Aus Mittelalter-Lexikon
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Iatromechanik (auch Iatroastrologie, Iatromagie, Iatromathematik; v. grch iatros = Arzt). Die medizinische Wissenschaft war im MA. von metaphysischen und abergläubischen Vorstellungen durchdrungen, wie das ma. Denken insgesamt. Therapie und Prognostik unterlagen magischen, zahlenmystischen und astrologischen Spekulationen, die zusammenfassend als Iatromechanik bezeichnet werden. So benutzten gelehrte Ärzte ®Astrolabien mit auf vier oder fünf medizinische Parameter geeichten Indikatorenscheiben, um den günstigsten Zeitpunkt für diverse Eingriffe, für die Einnahme von Medikamenten, für Schwitzbäder oder für einen Aderlass abzulesen. Nach dem Vorbild der arabischen Iatromathematik errechneten sie die Prognose aus den Geburtsdaten des Patienten und den astrologischen Konstellationen zur Zeit des Krankheitsbeginns; darin drückt sich die Annahme aus, dass der Mikrokosmos „Mensch“ auf subtile Weise unter dem Einfluss (influxus) der jeweiligen zeitlichen Konstellationen des Makrokosmos´ stünde. Ein vielbenutztes Hilfsmittel war der Tierkreiszeichenmann, eine Darstellung des menschlichen Körpers und der den einzelnen Körperregionen, Organen und Gliedern zugeordneten Planeten und Tierkreiszeichen. Ähnliche Darstellungen wurden als ®Aderlassmännchen benutzt, um den jeweils richtigen Zeitpunkt und das richtige Blutgefäß zum Aderlass zu bestimmen. Galen schreibt in dem Traktat "De criticis diebus", dass sich der Verlauf chronischer Krankheiten nach dem Sonnenlauf, der akuter Erkrankungen nach dem Mondstand richte. Dieser Ansicht wird von Avicenna Im "Canon medicinae" widersprochen. Arnaldus de Villanova ordnet in seiner Schrift "De iudiciis astronomiae" jedem Tierkreiszeichen eine Körperregion zu und warnt davor, ein bestimmtes "Glied zu schneiden oder zu kurieren, wenn der Mond in dem betreffenden Zeichen steht. Deshalb kann man nicht ohne große Gefahr eingreifen, wenn etwas am Haupt beschädigt ist, solange der Mond im Zeichen des Widders steht, da der Widder ja Beziehung zum Haupt hat." Roger Bacon neigt der galenischen Lehre zu: "... denn der Arzt, der nicht die Stellung der Planeten und ihren Aspekt zu beobachten versteht, handelt nur von ungefähr und auf gut Glück". Der Wert astrologischer Prognostik wurde auch von der Kirche bestätigt: "Als unser herre den steinen unde den wurzen unde den worten kraft hat gegeben, also hat er ouch den sternen kraft gegeben, daz sie über alliu dinc kraft hant" (Berthold von Regensburg). Als Beispiel eines iatromathematischen Hausbuchs sei der „Codex Schürstab“ angeführt. Diese sma. Handschrift, benannt nach einer Nürnberger Patrizierfamilie, ist reich mit Miniaturen geschmückt und enthält u.a. Aufstellungen von Tierkreiszeichen und Wandelsternen, einen Kalender mit Monatsregeln, Kapitel über Temperamentenlehre und Gesundheitregeln, eine Rezeptesammlung und Tabellen zur Festtagsberechnung und zur Bestimmung der Srundenregenten. – Der Florentiner Arzt und Naturphilosoph Marsilio Ficino (1433 – 1499) stellt ein iatroastronomisches System auf, nach welchem den Qualitäten der Sädftelehre adäquat qualifizierte Himmelskörper zugeordnet sind. So stünden Gallenblase und Sexualorgane unter dem Einfluss des als heiß und trocken eingestuften Planeten Mars, der auch für Krankheiten wie Pest, Fieber und Phrenitis (Hirnentzündung, Irresein) verantwortlich sei.
Sollte eine Behandlung trotz Beobachtung aller astrologischen Aspekte erfolglos bleiben, so war anzunehmen, dass die jeweiligen Horoskope von Patient und Arzt nicht harmonierten; in diesem Fall war der Arzt zu wechseln.