Kinderheilkunde

Aus Mittelalter-Lexikon
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Kinderheilkunde. Im grch.-röm. Altertum entstanden Schriften zur Kinderheilkunde (von Hippokrates, Rufus von Ephesos und Soranus), die über arab. Bearbeitungen (durch Rhazes, Avicenna) und deren lat. Übersetzungen im 12. Jh. auch im christl. Abendland Verbreitung fanden. Mehrere Kapitel des IV. Buches des "Liber Medicinalis ad Almansorem" des Arabers Rhazes (865-923) sind der Kinderheilkunde gewidmet. Dieses Werk lag in lat. Übersetzung als "Practica Puerorum" oder "De Egritudinibus Puerorum" vor und umfasst 24 Kapitel über Kinderernährung und -pflege, Diagnose und Therapie von Kinderkrankheiten, geordnet nach dem System "de capite ad calcem" (von Kopf bis Fuß). Beschrieben werden Krankheiten der Kopfhaut, Hydrozephalie, Niesen, Schlaflosigkeit, Epilepsie, Ohrenbeschwerden, Schielen, Zahnweh, Mundfäule, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Wurmbefall, Nabel- und Leistenhernien, Blasensteine und Lähmungen. Avicenna (Ibn-Sina, 980-1037) behandelt in seinem an Rhazes orientierten "Canon" Pflege und Ernährung von Kleinkindern bis zum 4. Lebensjahr; den von Rhazes angeführten Leiden fügt er fieberhafte Erkrankungen, Harnzwang, Mastdarmvorfall u.a. hinzu. Span.-arab. Ärzte (Avenzoar, Abulcasis, Arib ibn Sa'ad) kommentierten und erweiterten das Werk Avicennas und bereicherten es durch Kapitel über Hygiene, Diätetik, Stillen, Zahnwuchs und Kinderpathologie. Die arab. Abhandlungen zur Pädiatrie waren seit dem 12. Jh. in Europa bekannt. Wohl die älteste westl. Äußerung zu Kinderkrankheiten und deren Behandlung stammt von Isidor von Sevilla und findet sich in Kapitel IV. seiner "Etymologiae" (um 600). In der "Trotula" genannten medizin. Sammelhandschrift (11. Jh.) titelt der 18. Abschnitt "de regimine infantis" und der 19. "de electionis nutricis". Eine zusammenfassende Darstellung der Lehren von Hipokrates, Soranus und Rhazes gab Bernard de Gordon um 1300 in seinem "Lilium Medicinae". Zusätzlich enthält das Werk eine Beschreibung von Masern und Windpocken. Zu Beginn des 15. Jh. verfasste der Freiburger Mönch Heinrich von Laufenberg sein medizinisches Lehrgedicht "Regimen", in dem er Ratschläge zu Schwangerschaft, Geburt und Kleinkinderpflege gibt. Gegen Ende des 15. Jh. gingen neben den klass. Werken von Rhazes und Avicenna auch erste westl. Abhandlungen zur Pädiatrie in Druck, so z.B. das "Regiment der jungen Kinder" des Augsburger Arztes Bartholomaeus Metlinger, ein volkstümlicher deutschsprachiger Ratgeber für die Eltern (gedruckt 1474 in Augsburg) und der "Libellus de aegritudinibus infantium et eorum remediis" des Paolo Bagellardi a Flumine (gedruckt 1479 in Padua).
(s. Kinderkrankheiten; Mettlinger, Bartholomäus)