Klima

Aus Mittelalter-Lexikon
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Klima (Meteorolog.; spätlat. clima = Himmelsgegend). Geschichtsbetrachtung unter klimatologischen Aspekten wird erst seit jüngerer Zeit betrieben. Außer Schriftquellen (Chroniken, Annalen, Urbare [Rechnungsbücher u.a. zu Wein-, Getreide und Heuertrag], Itinerare, Flugblätter usf.) und Bildquellen (Gemälde, Drucke, Illustrationen, Reliefs) benutzt die Paläo-Klimatologie die Auswertung von Hochwasser- oder Gletscherablagerungen, von Meeressedimenten und Eisbohrkernen, ferner die Dendrochronologie, die Pollenanalyse und die C-14-Methode.
Unsere derzeitige Klimaepoche, das Holozän (auch Postglazial oder Neo-Warmzeit) begann vor etwa 10.000 Jahren und hatte ihr Temperaturmaximum vor ca. 8.000 bis 4.000 Jahren. Seither führt ein Abkühlungstrend mit etwa 0,1° C pro Jahrtausend auf die nächste Eiszeit zu. (Ob sich dieser Trend – u.U. auch durch anthropogene Einflüsse – ändern wird, ist noch nicht abzusehen.) Es treten jedoch kürzerfristige Klimaschwankungen auf, welche die Langzeitentwicklung überlagern. Dabei sind zwar – bislang – die Abweichungen vom Mittelwert nie größer als 1-2° C nach oben oder unten, die Auswirkungen auf regionale Klimate können jedoch dramatische Folgen zeitigen. (Für Südengland wurde bei einer Abkühlung von 1° C eine Verkürzung der Vegetationszeit um 14 Tage berechnet, was ausreichen würde, die landwirtschaftlichen Erträge deutlich zu mindern.)
Das europäische Klima des MA. weist höchst eindrucksvolle Fluktuationen auf. Zwischen 500 und 800 brachte das "Pessimum der Völkerwanderungszeit" eine durchschnittliche Abkühlung von ca. 1° C mit besonders großen Problemen für die Bevölkerungen Mittel- und Nordeuropas. Ab 800 trat eine Erwärmung ein, die um 1000 ihren Höhepunkt im "Mittelalterlichen Optimum" erreichte. In dieser Zeit, die gekennzeichnet war durch verminderte Niederschlagsmengen, warme Sommer und milde Winter, wurde auch in Deutschland bis weit in den Norden Wein angebaut, in England wuchsen Ölbäume, Karl d. Gr. (768 - 814) hat auf seinen Gütern Feigen anbauen lassen, Grönland wurde von den Wikingern besiedelt. Die Baumgrenze verschob sich um 100 bis 200 m nach oben, die Alpengletscher gingen weit zurück. Die landwirtschaftlichen Erträge garantierten allgemein eine ausreichende Versorgung. Zwischen 1280 und 1350 trat eine drastische Klimawende ein, die bei einer Abkühlung von ca. 1° C dramatische ökologische und sozioökonomische Folgen zeitigte. Das Jahr 1306 brachte den ersten harten Winter seit dreihundert Jahren. In den Wintern 1303 und 1306 fror die Ostsee zu. Von 1315 bis 1317 stürmte und regnete es ununterbrochen, Überschwemmungen und beinahe totaler Ernteausfall waren die Folgen. Viehseuchen breiteten sich aus. Extreme Sommerkälte und -nässe brachten die Jahre 1338 und 1342-1347.
Winterliche ®Sturmfluten an der Nordseeküste rissen die nordfriesische Küstenlandschaft auseinander. Das nächste Temperaturminimum der letzten 1000 Jahre ergab sich während der Zeit von 1450 bis 1550; ein letztes brachte die „Kleine Eiszeit“ (Pessimum 1645 bis 1715; „Maunder-Minimum“). Kennzeichnend waren kühle Sommer und strenge, nur anfangs schneereiche Winter, die zum Wiederanwachsen der Alpengletscher führten. In London fuhren Kutschen auf der zugefrorenen Themse, in Venedig waren die Kanäle zugefrorenen.
Ob der Bevölkerungsrückgang zwischen dem 13. und dem 14. Jh. primär auf Missernten und den daraus resultierenden Hungersnöten oder auf Seuchenzüge zurückzuführen ist, die ihrerseits durch Hungersnöte verstärkt wurden, sei dahingestellt.
Welche Ursachen den Kaltzeiten zugrunde lagen, ist nicht geklärt. Diskutiert werden eine Abschwächung der Sonnenfleckenaktivität, vulkanische Stäube in der Stratosphäre, Veränderungen der Meeres- und Luftströmungen und eine Lageveränderung der Erdachse.
(s. Bevölkerungsdynamik, Kältezeiten, Wetter, Vulkanismus)