Ortlieber

Aus Mittelalter-Lexikon
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Ortlieber. Anhänger einer häretischen Lehre des 13. Jh., zurückgehend auf einen Ortlieb von Straßburg, durch Innozenz III. anathematisiert. Die Ortlieber legten die Bibel gemäß dem sensus spiritualis (sensus mysticus) aus, d.h. sie suchten bei der Exegese nach einem hinter den Buchstaben verborgenen tieferen Glaubensinhalt. Sie betrachteten den von seiner Mutter zum Glauben erweckten Jesus als Begründer der Trinität und als deren zweite Person nach Gottvater. Die dritte Person der trinitas in caelo sei in Gestalt der Apostel (hervorgehoben werden Petrus und Andreas) dazugekommen. Somit vertraten sie die ketzerische Meinung, dass es vor der Erweckung Christi zum Glauben an Gott keine Trinität gegeben habe.
Sie organisierten ihre Gemeinschaft – als Entsprechung zu der Dreifaltigkeit ihres Glaubens – in Dreiergruppen. Diese ortliebischen trinitates in terris bestanden jeweils aus einem älteren Mitglied (pater), einem durch dessen Predigt der Sekte neu Gewonnenen (filius) und einem mit geistlicher Löse- und Bindegewalt ausgestatteten Vollkommenen (spiritus). Sie wandten sich von den äußeren Dingen der Welt ab, um sich in Askese ganz auf das verbum praedicationis zu konzentrieren. Biblische Berichte (etwa von der Genesis, von Passion oder Auferstehung) fassten sie nicht nach dem Literalsinn auf, sondern interpretierten sie in einem ihrer Lehre entsprechenden spiritualistischen Sinn. Sie verwarfen – wie Katharer und Waldenser – den Eid, jegliche Lüge und Tötung. Durch ihre Lehrmeinung, dass außer in ihrer Gemeinschaft kein Heil zu erwarten sei, dass die röm. Kirche samt ihren Institutionen und Riten daher zu verdammen sei, mussten sie sich die Feindschaft der Kirche zuziehen.
Über die Verbreitung der Ortlieber ist wenig bekannt, da es nicht zu einer regulären Sektenbildung gekommen ist.