Pocken

Aus Mittelalter-Lexikon
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Pocken (mndd. pocke = Schwellung, Bläschen, auch Blattern, mhd. blatere; lat. variola = Knötchern. Die Bezeichnung „Variola“ findet sich erstmals 570 in einer Beschreibung der Krankheit durch Marius Aventicensis, Bischof von Lausanne; er benutzt das Wort als Deminutiv von lat. varus = Knoten. Das Wort Pocken erscheint erstmals in lat. Krankheitsbeschwörung des 9. Jh. als Poccas). Eine hochkontagiöse, akute, fieberhafte, durch Tröpfcheninfektion übertragene Viruskrankheit des Menschen, die i.d.R. charakteristische Hautveränderungen hervorbringt. (Gregor von Tours: „Das Übel war von der Art, dass der Kranke von heftigem Fieber ergriffen wurde und sein ganzer Körper von Bläschen und kleinen Pusteln starrten. Es waren dies weiße und harte Blasen, welche heftig schmerzten. Sobald sie, nach vollendeter Reife, geplatzt waren und der Eiter auszufließen begann, wurde der Schmerz durch das Ankleben der bedeckenden Kleidungsstücke noch heftiger.“) Besonders verlustreich verlief die hämorrhagische Form, mit Blutungen in Haut, Schleimhaut und inneren Organen („Schwarzer Tod“, möglicherweise oft mit der Pest verwechselt). Die Erreger waren mit den Vorstößen der Hunnen im 4./5. Jh. von Zentralasien her nach Europa gekommen. (Die Chronisten der Zeit vermerkten die durch Pockennarben entstellten Gesichter der asiatischen Eindringlinge.) Im MA. haben große Seuchenzüge alle Länder heimgesucht, und in ihrer bösartigen Verlaufsform (Variola major) viele Opfer gefordert. Im 6. Jh. grassierten die Pocken in Frankreich, Germanien, Belgien und auf den Britischen Inseln, später auch in Italien, Nordafrika und Spanien. Nachdem die Pocken – zumindest in Nord-Europa – im Lauf des 11. Jh. verschwunden waren, traten sie Ende des 12. Jh. in den Mittelmeerländern erneut auf. Möglicherweise waren sie von Kreuzfahrern aus dem Vorderen Orient eingeschleppt worden. Letzte größere Pockenepidemien des europäischen MA. waren die des 15. Jh. in Mittel- und Nordeuropa. (Wohl am verlustreichsten sollten die Seuchenzüge des 18. Jh. verlaufen.)
Exakte Beschreibungen der Krankheit finden sich in der „Historia Francorum“ des Gregor von Tours (540-94), der von pustulas und vesicis (Pusteln und Blasen bzw. Blattern) spricht, in Schriften des Ahron von Alexandria (einem christl. Priester des 7. Jh., der in seinen „Medizinischen Pandekten“ von Pocken handelt), des pers. Arztes Haly Abbas (gest. 994) und von Rhazes (9./10. Jh.). Averroes (12. Jh.) hat festgestellt, dass Pocken jedes Individuum nur ein einziges Mal befallen können. Gilbert Anglicus, ein englischer Arzt, beschreibt die Pocken in seinem „Compendium Medicinae“ (um 1240).
Besonders viele Todesopfer forderten die Pocken unter Kindern. Wer überlebte, war von Pockennarben gezeichnet oder litt an Erblindung, Taubheit oder Lähmung. Prominente Opfer der Krankheit waren der schon genannte Gregor von Tours selbst, der die Krankheit überlebte, sowie Graf Balduin II. von Flandern und Kaiser Otto III., die daran starben.