Santiago de Compostela

Aus Mittelalter-Lexikon
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Santiago de Compostela. Die Stadt im Nordwesten Spaniens ist einer der Gründungslegenden (der „Historia Compostelana“, verfasst zwischen 1108 und 1140) zufolge die Begräbnisstätte des hl. Jakobus d. Ä. (Jacobus Maior, filius Zebedei, frater Ioannis), der in Jerusalem das Wort des Herrn verkündet, später in Spanien erfolglos missioniert hatte und nach seiner Rückkehr nach Jerusalem auf Befehl König Herodes´ im Jahre 44 enthauptet worden war. Schüler des Apostels, denen er noch zu Lebzeiten geboten hatte, seinen Leichnam nach Spanien zu bringen und dort zu begraben, erfüllten diesen Auftrag, wobei sie auf wundersame Weise über See zu dem span. Hafen Iria Flavia am westlichen Ende der Welt und von dort nach dem Ort gelangten, der sich heute Santiago de Compostela nennt. Früheste Berichte über Wallfahrten nach Santiago sollen aus dem 4. Jh. datieren. 825 wurde die während der Wirren der maurischen Invasion in Vergessenheit geratene Grabkapelle Jakobs von Theodemir, Bischof von Iria Flavia, (heute Padron) wiederentdeckt; ein geheimnisvoller Stern erschien über der Grabstätte, der Kult belebte sich von neuem. Das Umfeld des Jakobsgrabes hieß von da an campus stellae, (Sternfeld), woraus der Volksmund Compostela machte. Außerhalb Santiagos werden Jakobsreliquien in Roermont (linker Unterarm), in Prüm (rechte Hand und ein Teil des Unterarms) und in Echternach (ein Gewandstück) verehrt. Diese Orte wurden daher von Jakobspilgern auf dem Weg nach Santiago gerne aufgesucht.
Der hl. Jakob avancierte zum Volksheiligen der Spanier, nachdem er in der Schlacht von Clavijo (844) gegen die Mauren auf einem feurigen weißen Ross erschienen war und den spanischen Truppen zum Sieg verholfen hatte. (Jacobus Matamoros, der Maurentöter, wurde zur Symbolfigur des hispanischen Abwehrkampfes gegen die Mauren.) Vom 11. Jh. an gehörte die Jakobspilgerschaft (peregrinatio ad limina Sancti Jacobi; p. ad Sanctum Jacubum) – zusammen mit der nach Rom und Palästina – zu den "peregrinationes maiores" der okzidentalen Christenheit. (Seit dem 12. Jh. sollen jährlich etwa 25.000 bis 50.000 Pilger nach Santiago gekommen sein.) St. Jakob wurde nunmehr zum Patron aller Pilger und Wallfahrer. Auf Bildern erscheint er selbst im Pilgermantel, ausstaffiert mit breitkrempigem Hut, Kürbisflasche und Wanderstab; als Patron und Pilger in einer Person bot er sich den Pilgern geradezu als Identifikationsfigur an, was zu der Popularität der Jakobspilgerschaft wesentlich beigetragen hat. Auf deutschen Landkarten des MA. ist Spanien als "Jakobsland" bezeichnet, und "Jakobsweg" nannte man - als dessen kosmische Entsprechung - das leuchtende Band der Milchstraße. (Die Pilger folgten deren Verlauf von Nordosten nach Südwesten.)
Um 1130 ließ Bischof Diego Gelmirez von Compostella (1100-1140) zur Förderung der Jakobspilgerei den "Liber Sancti Jacobi" (auch "Iacobus" oder "Codex Calixtinus", da irrtümlich Papst Calixtus II. zugeschrieben) durch den franz. Gelehrten Joseph Bédier zusammenstellen, eine panegyrische Sammlung von legendären Berichten über den Apostel Jakobus und Pilgerführer zugleich. Im Auftrag von Bischof Gelmirez entstand auch die "Historia Compostellana", eine bedeutende Quelle zum St.-Jakobs-Kult. Während der Amtszeit Gelmirez´erfolgte die Erhebung Compostelas zum Erzbistum durch Papst Calixt II., was den Zustrom der Pilger weiter förderte.
An den ®Pilgerstraßen nach Santiago (den Jakobswegen) entstanden viele Klöster und Spitäler, die wesentlich zur Belebung des Handelsverkehrs und zur Ausbreitung der europäischen Kultur der Zeit beitrugen. In Santiago wurde zwischen 1075 und 1150 über dem Jakobsgrab die spätromanische dreischiffige Wallfahrtsbasilika mit geräumigem Querschiff, Chorumgang und Kapellenkranz errichtet. Die Erzbischöfe von Santiago (seit 1120 Erzbistum) wetteiferten zeitweilig mit Rom als Pilgerzentrum, und erwarben von Papst Calixtus 1122 das Privileg, etwa alle zehn Jahre ein Heiliges Jahr ausrichten zu dürfen.
Viele Pilger besuchten von Santiago aus noch Kap Finisterre (Cabo Finisterre = Kap Weltende), um das Ende der damals bekannten Welt zu bewundern.
(s. Perlen, Pilgerzeichen)