Schleifspuren

Aus Mittelalter-Lexikon
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Schleifspuren (auch: Wetzrillen, Ausschliffe, Einschürfungen, Auswetzungen, Kerben, Näpfchen, Schabrillen, Schälchen, Scharten, Schiffchen, Schleifwannen, Schliffrillen, Schürfrillen, Teufelskrallen, Wetzzeichen; mhd. karacter, lat. characteres = Zeichen). An den Außenmauern vieler ma. und und neuzeitl. Sakral- (ca. 50%) und Profanbauten (ca. 42 %) sowie an anderen Hervorbringungen aus Stein – etwa Grundstücksmauern, Prangersäulen oder Marterln – (ca. 8 % der Funde) finden sich in die Steinquader eingetiefte, meist senkrecht stehende spitzovale Kerben von V- oder U-förmigem Querschnitt, sog. "Wetzrillen" (schiffchförmige Schleifspuren), daneben auch lange, schmale Einritzungen ("Schwertrillen") und kreisrunde, napfförmige Eintiefungen ("Quirlnäpfchen", "Ausbohrungen"), deren Entstehungszeit, Urheberschaft und Zweckbestimmung nicht geklärt sind. Möglicherweise ist der an Kirchen abgewetzte Steinstaub – durch Weihe geheiligt wie der ganze Sakralbau – als Heil- oder Schutzmittel für Mensch und Vieh benutzt worden. Nach einem anderen Erklärungsversuch entstanden die Rillen durch Reiben mit Holzstäben oder -scheiben, die sich dabei erhitzten und Zunder entflammten, der zum Entzünden des Osterfeuers benutzt wurde. Wieder andere vermuten als ursächlichen Zweck die rituelle Schärfung von Waffen (Kurzschwerter, Dolche, Lanzenklingen u.ä.), Merk-Male der zu Kirchenbußen Verurteilten, einen vergessenen Wallfahrerbrauch, Zauberzeichen, die denjenigen Unglück brachten, die sie berührten oder auch nur daran vorübergingen, Pilgerzeichen, Anwesenheitsbelege wandernder Gesellen oder Verständigungszeichen vagierender Bettler- und Gaunerhaufen. Es ist auch denkbar, dass die verschiedenen Arten von Schleifspuren in unterschiedlicher Absicht gemacht worden sind.
Trägermaterial ist fast ausschließlich Sand- und Backstein, die Fundstelle meist an der Südseite, nahe bei Türen und Toren; die Entstehungszeit liegt zwischen dem 15. und dem 19. Jh. (früheste Datierung 13. - 15. Jh., jüngster Fund d. Verf. an einem Gebäude von 1825). Die durchschnittlichen Abmessungen der Rillen betragen 20 cm in der Höhe, 4 cm in der Breite und 3 cm in der Tiefe. Näpfchen haben durchschnittlich einen Durchmesser von 2 bis 5 cm und eine Tiefe von 1 bis 3 cm. (Stellvertretend für viele Fundstellen: das ehem. Brauhaus in Creußen [Ofr., Rillen an der Außenwand], St. Walpurgis in Alsfeld/Hessen [Rillen und Näpfchen], St. Blasien-Dom zu Braunschweig [Rillen am Nordostportal], Margarethenkirche in Kahla/Thüringen [Rillen], Torhalle des ehem. Benediktinerklosters Lorsch [Rillen], Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken [Rillen an der Außenmauer des Kreuzgangs], Worms, Dom St. Peter und St. Paul [Rillen].)
Darüber, öb der erriebene Sand als Heilmittel verwendet wurde, kann bis heute nur spekuliert werden; erstaunlicherweise hat man bislang keinerlei Hinweise auf das Phänomen in Schrift oder Bild gefunden.
Aus der gleichen Motivation - nämlich Heil- und Schutzmittel zu gewinnen - dürfte der abergläubische Brauch der ®Schabefiguren entstanden sein.
(s. Grabmal des St. Martin von Tours (s. Martini); Seelenloch)


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