Sphärenmodell

Aus Mittelalter-Lexikon
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Sphärenmodell. Die Lehre vom Aufbau der Welt aus zwiebelartig geschichteten Kreisschalen (Sphären), auf deren Oberflächen die Kreisbahnen der Planeten angeordnet sind und in deren Zentrum die Erde liegt, stammt aus der grch. Astronomie (Eudoxus von Knidos, Aristoteles, Hipparch von Nikaia) und wurde von Ptolemäus (2. Jh. n. Chr.) in die Form gebracht, die während des ganzen MA. (und bis zu Kopernikus) Geltung hatte.
Beda Venerabilis (um 673-735) charakterisierte die (sieben) Himmelssphären als die der Luft, des Äthers, des Olymps, des Feuers, der Sterne, der Engel und des göttlichen Reiches. Honorius Augustodunensis (ca. 1080 - um 1151) unterschied drei Himmelssphären: die irdische, sichtbare, die geistige der Engel und die höchste der Dreieinigkeit. Spitzfindige Denker der Scholastik erkannten auf 55 oder 56 Sphären.
Ma. Astronomen kannten sieben Sphären zwischen Erde und Firmament (= Fixsternhimmel), auf denen sich – von der Erde aus aufwärts – Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn bewegen. Außerhalb des alles umschließenden Firmaments (als achter Sphäre) wurde eine unsichtbare neunte (auch zehnte) Sphäre angenommen, die mit Gott als dem „Ersten Beweger“ (primum movens) gleichgesetzt wurde. Gott teilt der Welt die kosmische Bewegung mit, indem er über das „Erste Bewegte“ (primum mobile; die neunte Sphäre) die äußerste Sphäre (den Fixsternhimmel), und – von oben nach unten – die Planetensphären in Bewegung setzt. (Der unterschiedliche „umbelouf“ von Planetensphären und Firmament – „der sieben Planeten Gegengang“ – garantiert, dass „die schwache Erde sich halten kann gegen die himmlische Stärke“. Würden alle Sphären gleichsinnig die unbewegte Erde umlaufen, so würde diese von deren vereinter Kraft mitgerissen, was ihr Ende bedeutete.) Um die Diskrepanz zwischen den für dieses Modell geforderten kreisförmigen Planetenbahnen und den tatsächlich beobachteten Planetenbewegungen zu überwinden, schlossen sich die scholastischen Astronomen der Epizyklen-Theorie des Ptolemäus an (s. Astronomie). Vereinzelt nahm man auch Zuflucht zu einer „geoheliozentrischen“ Theorie, nach welcher sich Merkur und Venus um die Sonne bewegten, und die Sonne wie die übrigen Planeten um die Erde kreiste.
Handbücher zum Sphärenmodell verfassten u.a. der englische Wissenschaftler Johannes von Sacrobosco („De sphaera mundi“ oder „Liber de sphaera“; Anfang des 13. Jh., mehrere volkssprachliche Übersetzungen), die engl. Franziskaner Robert Grosseteste („De sphaera“) und Johannes Peckham („Tractatus spherae“) sowie der päpstl. Kaplan Campanus von Novara („Tractatus de sphaera“).