Storch

Aus Mittelalter-Lexikon
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Storch (Weiß-, Klapperstorch; mhd. storch, storche, storc, storke; lat. ciconia; zoolog. Ciconia ciconia; volksetymolog. mhd. odebar = Glücksbringer, nhd. Adebar, Meister A.). Der in Europa lebende Weißstorch gehört zu der artenreichen Familie der Stelzvögel (Ciconiidae); er ist gekennzeichnet durch seine Körpergröße (bis 1 m lang, Spannweite ca. 2 m), langen Hals und Schnabel, lange rote Läufe (Ständer), durch schreitenden Gang und ausdauerndes Flugvermögen (besonders beim Segeln), durch das Bauen großer Nester (Horste, ca. 2 m Ø) und durch ausschließlich tierliche Nahrung (Würmer, Insekten, Eidechsen, Schlangen, Frösche, Mäuse). Er nistet gerne inmitten von Dörfern auf Dächern und Türmen und ist durch seine Nähe den Menschen vertraut. Als Zugvogel fliegt er im Herbst in großen Schwärmen zu Winterquartieren in Afrika und kehrt im März/April in seine Brutgebiete zurück (Nesttreue).
Antikem Aberglauben folgend schreibt Gervasius von Tilbury (12./13. Jh.), dass sich Störche zum Lohn für ihre aufopfernde Elternliebe im Alter in Menschen verwandeln würden. In Märchen heißt es, Störche zögen im Herbst fort, um in einem anderen Land in Menschengestalt zu überwintern.
Wie sein volkstümlicher Name Adebar sagt, wurde er seit jeher als glücksbringendes und liebenswertes Tier verehrt. Seine Rückkunft im Nest zeigte den ersehnten Frühling an und wurde freudig begrüßt. Ein Storchennest auf dem Hausdach schützte vor Blitzschlag und Feuersbrunst. Beliebt war er auch, weil er für Kindersegen sorgte; die Babys holte er aus Brunnen oder Teichen und brachte sie auf dem Rücken oder im Schnabel zu den Eltern.
Im Mittelalter wurde angenommen, dass die Störche im Wasser überwinterten. Erst zu Beginn der Neuzeit erkannte man sie als Zugvögel („Wandergesellen“).
Als gutes Omen für das Jahr galt eine frühe Ankunft der Störche sowie deren häufiges Geklapper. Ein zeitiger Winter stand bevor, wenn die Störche frühzeitig abreisten. Entsprechen galt verspäteter Abflug als Zeichen für späten Winter- und Frühlingsanfang. Unwetter drohte, wenn der Storch auf beiden Füßen im Horst stand und seinen Schnabel im gesträubten Brustgefieder barg.
Dem hohen Ansehen des Storches entsprach eine hohe Wertschätzung von Heilmitteln aus Storchen-Präparaten in der Volksmedizin: Fleisch, Fett, Blut, Organe, Galle und Kot halfen gegen alles Mögliche, seien es Schlaganfall oder Epilepsie, Augenleiden, Podagra oder Lungensucht. Da der Storch giftige Schlangen und Kröten unbeschadet schlucken kann, galt der Storchenmagen als Mittel gegen Vergiftungen aller Art.
In der ma. Küche hat Storchenfleisch keine Rolle gespielt, wohl wegen der Verehrung, die man dem Tier entgegenbrachte und wegen biblischer Speisevorschriften (3 Mose 11). Die Redewendung "Da brat mir doch einen einen Storch!" zeugt von Verwunderung über etwa Unerhörtes, nie Dagewesenes.