Tränen

Aus Mittelalter-Lexikon
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Tränen, Tränengabe (mhd. trene, lat. lacrima). Tränen sind ein salzhaltiges Sekret, das aus einer Drüse in den Bindehautsack des Auges entleert wird und zu dessen und zur Reinigung der Hornhautoberfläche dient. Chronische Entzündungen der Bindehaut, wie sie besonders häufig bei alten Leuten vorkam, führt zu fortwährendem Tränenfluss, zur Rötung der Lidränder und zu der entstellenden Erscheinung der Triefäugigkeit, einem diffamierenden Hexenmerkmal.
Die menschliche Gabe, aus heftiger Gemütsbewegung (Trauer, Rührung, Mitleid, Reue, Erschütterung, Schmerz, Freude) heraus Tränen zu vergießen, galt im MA. bei Männern und Frauen gleichermaßen als natürliche Gefühlsäußerung. In der Realität wie in der Dichtung flossen die Tränen häufig und ungehemmt. Für gläubige Christen gehörten Gebet und Weinen zusammen, brachten die Tränen doch Mitleid, Reue und Zerknirschung beim Gedenken an Christi Leiden oder an die eigene Sündhaftigkeit zum Ausdruck. (Wenn jemand besonders tränenreich weinte - "Rotz und Wasser greinte" - dann lag dem zugrunde, dass die überreichliche Tränenflüssigkeit aus dem unteren Lidsack ab- und durch den Tränen-Nasen-Gang in die Nasenhöhle eingeleitet wurde und aus den Nasenöffnungen abtropfte.)
Auch rituelle Inszenierungen – etwa Unterwerfungs-, Demuts-, Bitt- oder Dankbekundungen – pflegten die Beteiligten und wahrscheinlich auch der Umstand mit ausgiebigem Weinen zu begleiten. Folgerichtig finden sich Darstellungen des Weinens in der bildenden Kunst des MA. wesentlich häufiger als solche des ®Lachens.
Das Weinen konnte bei charismatisch veranlagten Personen – zumeist weiblichen Geschlechts – besonders stark, ja exzessiv ausgeprägt sein, und galt dann als Beweis für göttliche Gnade. Das „donum lacrymarum“ ist in Heiligenviten als bewunderns- und erstrebenswerte Befähigung beschrieben. Zu deren Erlangung gab es eigene Gebetsformeln. Nur folgerichtig, dass angenommen wurde, diese Gottesgabe wäre Hexen notwendigerweise versagt. Selbst unter der Folter blieben deren Augen trocken; waren sie doch aufgrund ihres Teufelspaktes zu Reue und Buße nicht fähig, entbehrten jeder göttlichen Gnadenzuwendung, so auch der Tränengabe. Sollten sie jedoch wider Erwarten doch einmal weinen, so war dies nur mit teuflischer Arglist zu erklären.
Hildegard v. Bingen äußert sich in „Causae et curae“ über das Zustandekommen der Tränen: „ ... durch die Trauer (geht) ein bitterer Rauch hervor ... dieser überwältigt das ... Wasser des Herzblutes ... und leitet es, wie wenn es dampfte, aufwärts durch die Gefäße zu den Äderchen des Gehirns und durch diese zu den Augen hin .... Dann fließt dieses Wasser aus den Augen heraus und das sind die Tränen. (Sie) trocknen das Blut des Menschen aus, lassen das Fleisch abmagern, schädigen den Menschen ebenso wie unbekömmliche Speisen und bringen seinen Augen Verdunkelung. ... Die aber aus Freude entstehen sind milderer Art. (Sie steigen) ohne ... Rauchwirbel unter Seufzern der Freude und der Wonne sanft zu den Augen hin ... Sie greifen das menschliche Herz nicht an, lassen auch sein Blut nicht eintrocknen und das Fleisch nicht abmagern, bringen auch den Augen keine Verdunkelung“. Wähend Tränen ehrlicher Trauer direkt vom Herzen kämen, sollten Heuchler nur mit den Augen weinen.
Ma. Volksglauben nach raubt das Wehklagen und Weinen der Hinterbliebenen um einen Toten dessen Grabesruhe. Bei Helmold von Bosau und Thomas von Chantimpre finden sich Hinweise auf das Märchenmotiv vom tränennassen Kleid, in dem Verstorbene den trauernden Angehörigen erscheinen und klagen, sie könnten wegen der übergroßen Trauer nicht selig werden.
In Sagen und Märchen weinen Tiere, Bäume und sogar Steine, hatten Tränen auch glückbringende Kraft. Im heulenden Wind hörte man das Wimmern der armen Seelen, im Aberglauben galten Perlen als Tränen, weswegen die Braut bei der Hochzeit keinen Perlenschmuck tragen durfte. Zahlreich sind Berichte von Tränen vergießenden Standbildern, vorzugsweise solche der Jungfrau Maria.
Die während des Schlafes am Lidrand zu sandartigen Körnchen eingetrocknete Tränenflüssigkeit war Anlass zu dem Märchen vom Sandmann, einem gutmütigen Geist, der Kinder zum Schlafen bringt, indem er ihnen Sand in die Augen streut.
Häufig haben ma. geflügelte Worte (dicteria communissima) das Weinen zum Gegenstand. Beispiel: "hund hincken, frowen weynen und kremer schweren, daran sol sich nieman keren".