Tuberkulose

Aus Mittelalter-Lexikon
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Tuberkulose (v. lat. tuberculum = Höckerchen, nach den bei der Krankheit auftretenden knötchenförmigen Entzündungsherden). Wegen des schleichenden Krankheitsverlaufs, der auch langanhaltende Perioden des Stillstands aufweisen kann, ergibt sich eine uneinheitliche Symptomatik, die nur im Spätstadium der Lungenform einer konkreten Krankheit, der Schwindsucht (mhd. swinsuht, spätmhd. swintsuht, v. mhd. swinen = abnehmen, abmagern, welken; grch. Phthisis) zugerechnet wurde. Über Zustandekommen (Infektiosität) und Zusammenhänge mit Erkrankungen von Haustieren (Rinder-Tb) wusste man nichts. Die Infektion konnte schon im frühen Kindesalter eintreten, um sich dann erst in der Maturität (zwischen 40 und 60 Jahren) zu manifestieren. Die höchste Sterblichkeitsquote durch Tuberkulose dürfte jedoch zwischen dem 15. und dem 35. Lebensjahr gelegen haben, sodass die "große weiße Pest" Menschen in ihrer produktivsten Lebensphase dahinraffte. Es wird angenommen, dass die Tuberkulose die Haupttodesursache im MA. war ("Weiße Pest").
Gute Beschreibungen der Lungentuberkulose (Phthisis) finden sich in den Schriften von Hippokrates und Galen. Die Galenische Lehre unterschied zwischen einer primär entzündlichen Form (mit Bluthusten), einer ulzerösen Form (mit eitrigem Auswurf) und einer chronischen Form (mit Husten und körperlicher Schwäche). Zudem beschrieb sie den phthisischen Habitus, warnte vor der Ansteckungsgefahr und empfahl spezielle Luftkurorte. Die arab. Medizin übernahm die Lehren der Griechen. Avicenna definierte ein entzündliches, ein geschwüriges und ein kavernöses Stadium. Rhazes beschrieb auch die Kochentuberkulose, sah aber – wie Avicenna – keinen Zusammenhang mit der Lungenform. Als Heilmittel kannte man Expectorantien (Arnaldus de Villanova), Fuchslungenpulver (Bernhard von Gordonio), Milch, Thymian und Ysop (Eisenkraut). Bei Blutsturz wurden Eigelb, Zucker sowie Diät und Ruhe verordnet.
Die Ärzte der Schule von Salerno schrieben auch – ohne den ursächlichen Zusammenhang zu kennen – über die tuberkulösen Skrofeln (stumae), die vom 13. Jh. an gehäuft auftraten. Dabei handelt es sich um tuberkulös infizierte Halslymphknoten, die anschwellen, fistelnd nach außen durchbrechen und sich nach jahrelangen Heilungs- und Rezidivierungsschüben als bizarr vernarbte Gebilde darstellen. Die Krankheitsform (tuberkulöse Adenitis) war ma. Behandlungsversuchen (Exstirpierung und Verätzung des Wundbetts, Medikamente, Diät, Hunger- und Durstkuren) nicht zugänglich. Ma. Volksglauben zufolge konnte ® Skrofulose von Königen an ihrem Krönungstag durch Handauflegen geheilt werden.