Weißdorn

Aus Mittelalter-Lexikon
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Weißdorn (mhd. hagen-, hage-, wizdorn; lat. crataegus, v. grch. krataios = stark, fest; wiss. Crataegus, diverse Arten; hier C. monogyna; volkstüml. Hecken-, Zaun-, Hagapfel-, Mehlbeer-, Christdorn). In ganz Europa bis nach Südskandinavien und bis hin zum östl. Mittelmeerraum und bis zum Don verbreiteter sommergrüner, zwittriger Großstrauch oder Kleinbaum aus der Familie der Rosengewächse. Kennzeichen: Standorte in Gebüsch, Hecken und Feldrainen; stachelbesetzte Zweige; drei- bis siebenlappige Blätter; üppige weiße oder cremefarbene Blüte von unangenehmen Geruch; rote, kugelige Kernfrüchte, langgestielt, von ca. 1 cm Ø und von mehliger, süß-säuerlicher Beschaffenheit. Die Früchte (crataegi fructus) sind essbar und werden wie auch die Blätter und Blüten (crataegi foliun cum flore) zur Herstellung von durchblutungsfördernden Arzneimitteln verwendet.
In der Antike war W. als „Leukakantha“ und „Spina alba“ bekannt. Von Dioskurides stammt die Behauptung, dass ein Umschlag mit pulverisierter W.-Rinde Splitter und Dornen ausziehe und die Früchte den Durchfall stillten. Plinius benutzte Blätter, Blüten und Früchte bei Skorpion-, Spinnen- und Schlangenbissen. Daneben vertrat er die abergläubische Meinung, dass ein aus W.-Zweigen geflochtener Kranz Kopfschmerzen vertreibe, und dass man eine Frühgeburt einleiten könne, indem man den Bauch einer Schwangeren mit einer W.-Wurzel berühre.
l In der ma. Klostermedizin spielte der W. keine Rolle; Hildgard v. Bingen behauptet gar, „der Strauch helfe bei keiner Krankheit“. Erst die Medizinschule von Salerno nahm anhand aus der Antike überkommener Schriften die medizin. Tradition des W. wieder auf. Spätere heilkundliche Werke ordnen W.-Präparate als kühlend und mäßig feucht, seine Wirkung als zusammenziehend und stärkend ein. Äußerlich verordnete man ihn bei Geschwüren und als blutstillendes Mittel, innerlich bei Durchfall und Magenbeschwerden. Konrad v. Megenberg (14. Jh.) benutzt den Saft von W.-Früchten zum Gurgeln bei entzündlichen Erkrankungen des Mund-Rachen-Raumes sowie zur Stillung von Durchfällen. (Die Wirkung könnte durch deren schwachen Gerbstoffgehalt gegeben sein.) Im „Gart der Gesundheit“ (1485) werden als Heilanzeigen für W. Übelkeit und Erbrechen sowie Magen- und Verdauungsbeschwerden genannt. Ferner ist dort zu lesen: „des hagedorns sam ... ist den kinden gut, diu ir ärmel oben verlaidigt (verletzt) habent an der wegung: wenn sie den samen trinkent, so hailent si."
(Die medizin. Verwendung des W. geriet erneut in Vergessenheit und sollte erst Ende des 19. Jh. wieder aufgenommen werden.)
Die Früchte dienten im MA. zur Herstellung von Mus, Obstsaft und von Eingemachtem (kumpost); in Notzeiten wurden sie getrocknet und als Mehlzusatz verbacken.
Mit dichtgepflanzten W.-Hecken umgab man Gehöfte, Gärten, Felder und Viehweiden um Schadgetier und Gesindel abzuhalten und die Weidetiere einzuhegen. Die dornigen Zweige des W. stellte man in Stube und Stall, um vor angehextem Zauber sicher zu sein. Das harte Holz des W. verwendete man für Knüppel oder Peitschenstiele.