Weihrauch

Aus Mittelalter-Lexikon
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Weihrauch (mhd. wirouch, lat. tus; mlat. incensum, v. incendere = entflammen, anzünden). Im südl. Arabien (und in Somalia) gedeihen Blattgehölze (Boswellia sacra = Weihrauchstrauch und Commiphora = Myrrhen- bzw. Balsambaum), aus deren eingetrocknetem Wundsaft (Harz) unter Beimengung anderer Drogen seit etwa dem 5. vorchristl. Jahrtausend kostbare Räucherstoffe (Weihrauch, Myrrhe) für kultische Zwecke gewonnen wurden. Die Darbringung von Rauchopfern wurde vom Christentum anfänglich als heidnisches Relikt abgelehnt, fand jedoch vom 4./5. Jh. an auch Eingang in den christl. Kult. Mit dem Weihrauch wurde auch die Technik des Räucherns übernommen und bis heute beibehalten: das an Ketten hängende schalenförmige Weihrauchgefäß (mhd. virouch-vaz, lat. turibulum) wird von Hand geschwenkt, um das Holzkohlefeuer, auf dem die Weihrauch-Kügelchen liegen, anzufachen und um den Duft besser zu verteilen. Räucherungen fanden bei der Hl. Messe statt, bei der Totenweihe und bei einer Reihe christlicher Benediktionen (Palm-, Kerzen-, Glocken-, Kreuzweihe). Bei vielen Gelegenheiten ging der Inzensation eine Besprengung mit Weihwasser voraus.
Hinter dem kultischen Brauch des Rauchopfers stand die uralte, bei Ägyptern, Babyloniern, Persern, Griechen und Römern verbreitete "Vorstellung vom göttlichen Wohlgeruch", der für die Gläubigen ein "Merkmal göttlichen Lebens, göttlicher Nähe, Form göttlicher Offenbarung" war. Als wie wertvoll Weihrauch angesehen wurde, kann aus der Tatsache ersehen werden, dass dem Jesuskind als königliche Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe dargebracht wurden. Konrad von Megenberg im „Buch der Natur“: „... dar umb ist weirach der dreier gab aineu, die die drei künig unserm herren Jesu Christo opferten, und dar umb prennt mon in auch in den gotshäusern ...“ Ma. Weihrauchfässer (lat. incensoria) und deren durchbrochene Deckel waren meist aus Bronze und im Stil der jeweiligen Zeit gefertigt; sie zählten zu den kostbarsten künstlerischen Schöpfungen. (s. liturgisches Gerät)
Beim Verbrennen von Weihrauch-Harz wird die psychoaktive Droge Incensol-Acetat freigesetzt, die eine beruhigende und euphorisierende Wirkung auf die Konsumenten ausübt.
Einem eher profanen Zweck diente wohl ursprünglich das riesige Weihrauchgefäß, der "botafumeiro", der in der Vierung der Kathedrale von Santiago hängend von einem Ende des Querhauses zum anderen geschwenkt wurde; der von ihm verbreitete Wohlgeruch sollte die Gerüche von ungepflegten Pilgern und von ihren eklen Absonderungen und Ausscheidungen überdecken.
Dem Volksglauben nach vertreibt Weihrauch die bösen Geister in Haus und Stall. Auch in der ma. Therapie hatte Weihrauch seinen Platz. Konrad von Megenberg im „Buch der Natur“: „Wenn man den weirach lang kewt und in lang in den Mund helt und in izt, dem benimt er den hauptfluz, der reuma haizt“. Der „Macer floridus“ empfiehlt Thus oder Olobanum vor allem zur äußerlichen Anwendung bei Wunden und Verbrennungen, bei Ohrschmerzen und Schwellungen sowie zur Stärkung des Gedächtnisses. Hildegard sagt dem Weihrauch Wirkung gegen Kopfweh und Fieber nach und notiert einschlägige Rezepte.
(s. Narde)