Erdbeben

Aus Mittelalter-Lexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Erdbeben (mhd. erdbidem, ertbiebunge; lat. terrae motus) hat es während des MA. in Europa wohl immer wieder gegeben (z.B. 827 in Nordsachsen, 858 im Maingraben um Mainz, 881 in Cadiz, 944 und 955 in Cordoba, 1021 um ein Zentrum bei Basel, 1024 im heutigen Andalusien, 1033 im heutigen Portugal, 1112 bei Balingen/Schwäb. Alb, 1139 in Georgien, 1222 in Oberitalien zwischen Venedig und Genua, ebenfalls 1122 im mittleren Rheintal (die Klosterkirche von Altenberg bei Köln wurde stark beschädigt), 1225 in der Lombardei, 1227 an der Cote d´Azur, 1248 in Maurienne/Frankreich,1268 in Erzincan/Türkei, 1289 im Oberreinischen, 1356 in Basel, 1487 in Almeria und 1494 in Malaga), jedoch war der Bebenschwarm um die Mitte des 14. Jh. bei weitem das heftigste und folgenreichste Ereignis dieser Art. Entsprechend gut ist es durch zeitgenössische Handschriften belegt. Das – auf eine Stärke von 7 auf der Richterskala geschätzte – stärkste der Großbeben in der Zeit zwischen 1340 und 1366 fiel auf den 25. Januar 1348. Das Epizentrum war nahe Villach, die Bebenzone reichte bei einem Radius von dreihundert Kilometern von Ravenna bis Prag und von Ungarn bis zur Pfalz. Die Zahl der Toten betrug schätzungsweise zehntausend. Die Auswirkungen waren vor allem in Kärnten verheerend: Festgemauerte Kirchen und Häuser stürzten zusammen; Bergstürze stauten Flüsse und Bäche, die sich dann wieder mit reißenden Schlammfluten Bahn brachen; der Boden wurde durch Klüfte zerrissen; es bildeten sich neue Quellen und Seen. Regelmäßige Begleiterscheinungen heftiger Beben waren Feuersbrunst und Plünderei. Die Überlebenden standen unter Schock, wurden von Chronisten als verstört und wie gelähmt geschildert.
Das ca. 10 Stunden andauernde Beben am 18. Oktober 1356 verwüstete Basel und dazu mehr als 60 Burgen in der Umgebung. Was die Erdstöße nicht niedergeworfen hatten, vernichtete ein Großbrand. Es soll 1.000 – 2.000 Tote gegeben haben. Die Erschütterungen waren in einem Umkreis von 400 km zu spüren. Es gilt mit einer geschätzten Stärke von 6,5 auf der Richter-Skala als eines der schwersten der historisch bekannten Starkbeben nördlich der Alpen.
Ebenfalls im Jahr 1356 wurde Rothenburg o.T. von einem Erdbeben verwüstet. Aus dem planmäßigen Wiederaufbau stammt der Großteil der heutigen Altstadt.
Straßburg wurde am 9. Mai 1357 erschüttert, kam jedoch ohne größere Schäden davon, so auch bei den Beben von 1363 und 1372.
1366 ereignete sich in der Gegend um Gera ein Beben mit Gebäudeschäden.
1409 wurde Wittstock a. d. Dosse (Brandenburg) von einem Erdbeben erschüttert.
Die Beben von 1428 (Katalonien) und 1443 (Schlesien) dürften von minderer Stärke gewesen sein.
Bei den Beben von 1441 und 1458 in der Türkei sollen jeweils 30.000 Tote zu beklagen gewesen sein.
Am 5.Dezember 1456 zerstört ein Erdbeben Neapel (30.000 bis 40.000 Tote). Aufgrund der Erlebnisse bei dieser Katastrophe verfasste der italienischen Humanist Giannozzo Manetti (1396-1459) sein naturwissenschaftliches Traktat "De Terrae Motu" (Über das Erdbeben, 1456).
Als Urheber für das Wüten der Natur, für Erdbeben, Pest, Unwetter, Großfeuer und Ernteausfälle, konnte sich die Christenheit nur ihren zürnenden Gott vorstellen, der sie ihrer Sünden wegen züchtigen, wenn nicht gar austilgen wollte.
Ohne die göttliche Strafabsicht zu leugnen, suchten manche Zeitgenossen natürliche Ursachen. Albertus Magnus machte für Erdbeben faulige Dünste verantwortlich, die sich in unterirdischen Hohlräumen angesammelt hatten, sich zu gottgegebener Zeit mit erschütternder Wucht Bahn brachen, dabei die Sonne verfinsterten und die Menschen vergifteten. Diese Theorie fand man beim Erdbeben von 1348 bestätigt, als Staubwolken den Himmel verdunkelten und im Jahr darauf die Pest ausbrach. Der Domherr Franz von Prag fand die Bebensursache in der Konjunktion von fünf Planeten am 17. Januar 1348, also eine Woche vor dem Beben. Durch die Planetenkonstellation würde im Erdinneren ein so hoher Druck erzeugt, das die in Hohlräumen enthaltenen Dünste mit Gewalt ausbrächen und dabei Erdstöße verursachten. - Nach einer modern anmutenden Theorie des Johannes Buridanus entstanden Erbeben, wenn es infolge von Massenverschiebungen (Erodierung von Gebirgen) zu Ausgleichsbewegungen der Erdkruste kam. Konrad von Megenberg deutet Erdbeben als Begleierscheinungen des Vulkanismus.
Die bei Erdbeben freiwerdenden giftigen Dünste (s. Miasma) wurden für Seuchen verantwortlich gemacht, die im Anschluss an ein Beben ausbrachen
Das verstörte Volk fand einmal mehr die Schuldigen in den Gottesmördern, Wucherern und Brunnenvergiftern – den Juden. In vielen Städten der Bebenzone wurden sie zusammengetrieben und verbrannt.