Flug

Aus Mittelalter-Lexikon
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Flug (mhd. vluc, vluge; lat. volatus; dazu: Flügel, mhd. vlügel; lat ala). Zu den archetypischen Vorstellungen der Menschheit gehört die von der Möglichkeit, sich gleich einem Vogel in die Höhe schwingen und über das Niedere erheben zu können. Folgerichtig erscheinen schon in ältesten Mythen geflügelte Wesen als Ausdruck und als Boten höherer Mächte. Daneben erschienen geflügelte Fabelwesen wie etwa Drachen, Sphingen sowie geflügelte Löwen und Pferde, die durch die Lüfte brausende Wilde Jagd und sogar Kirchenglocken, die auf dem Luftweg ihren Standort wechselten. Die Seelen Verstorbener verließen den Körper und begaben sich durch die geöffneten Fenster und durch die Lüfte an den ihnen bestimmten Ort. Jesus Christus fuhr aktiv zum Himmel auf (ascensio), die Gottesmutter Maria wurde passiv von Engeln ins Paradies entrückt (assumptio), woran die Feiertage Christi und Mariae Himmelfahrt erinnern. Um die naive Schaulust des Kirchenpublikums zu befriedigen, ließ man zu Pfingsten eine Taubennachbildung (Symbol des Hl. Geistes) von einer Deckenöffnung herniederschweben, und an Christi Himmelfahrt eine Figur (imago) des Wiederauferstandenen emporfahren und durch ein Loch im Schlussstein des Gewölbes entschweben.
Asketen, Visionäre, Ekstatiker und Konsumenten gewisser Drogen erlebten in körperlichen und seelischen Ausnahmezuständen Flugträume mit großem Wirklichkeitsempfinden, woraus möglicherweise der Aberglauben vom Hexenflug entstand. (Hexen brauchten allerdings Hilfsmittel, um fliegen zu können, etwa einen Besen, einen Ziegenbock oder eine Mistgabel.)
Flugträume konnten je nach psychischem und physischem Zustand des Träumers als euphorisiernd oder grauenerregend, als glücks- oder unheilverheißend erlebt und gedeutet werden.
Im weiteren Zusammenhang gehört hierher auch das Mirakel des Schwebens (Levitation) über einer Wasserfläche oder dem Boden, wie es von Jesus, Simon Magus, Simon Petrus und von vielen Heiligen berichtet und von Zeugen bestätigt wird.
Der Zisterzienser Caesarius von Heisterbach (1180-1240) berichtet verschiedentlich von Luftfahrten mithilfe von Dämonen, wobei z.B. einer der Adepten innerhalb einer Stunde von Jerusalem nach Lüttich gelangt sei.
Von vielen Theologen und Ärzte des MA. wurde der Glaube an ein reales Fliegen in das Reich des Wahns oder der Träume verwiesen, was nicht verhindern sollte, dass der Aberglaube bis in die frühe Neuzeit virulent geblieben ist. Andere Gelehrte (z.B. Albertus Magnus) suchten nach einer natürlichen Ursache und sahen sie etwa in einer Störung des Säftegleichgewichts oder einer Einwirkung der Gestirne.
(s. Engel, Hexenritt, Hexensalbe, Rauhnächte, Teufel, Ungeheuer, Vision).