Judenpogrom

Aus Mittelalter-Lexikon
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Judenpogrom (v. russ. pogrom, urspr. = Verwüstung, Unwetter, später Ausschreitung gegen Minderheiten und Randgruppen). In der von religiösem Hass und Fanatismus geprägten Zeit der Jahre 1095/96, als die Massen zum Kreuzzug gegen die Feinde Christi, "die Erzfeinde und Mörder unseres Erlösers" aufgestachelt wurden, wandte sich die Wut des Pöbels zuerst gegen die Juden in Frankreich und im Rheinland. Sie wurden anfänglich zur Herausgabe von Subsidien für die Soldaten Christi erpresst, bald aber kurzerhand erschlagen und ihres Vermögens beraubt. Ein verrufener rheinischer Raubritter, Emicho von Leiningen, setzte sich an die Spitze der Judenschlächter. Die Judengemeinden von Speyer, Mainz, Worms, Köln, Trier, Metz, Neuß, Wevelinghoven, Straßburg und Xanten, danach auch die von Regensburg und Prag wurden bestialisch massakriert, ihre Habe fortgeführt. Viele Juden hatten in aussichtsloser Lage sich selbst und ihren Angehörigen den Tod gegeben, nur wenige hatten sich zwangstaufen lassen. In vielen Fällen haben Bischöfe versucht, sich schützend vor die Juden ihrer Stadt zu stellen, nur selten jedoch gelang es ihnen, den rasenden Mob zurückzuhalten.
Von da an wurden Pogrome vom verhetzten Pöbel oder von kühl kalkulierenden Persönlichkeiten aus den verschiedensten Anlässen angezettelt, sei es aus drückender Armut, wegen Hungersnöten, Naturkatastrophen und Seuchenausbrüchen, zur Erledigung von aufgelaufenen Geldschulden bei jüdischen Kreditgebern oder weil Grundstücke von Juden die Begehrlichkeit ihrer christlichen Nachbarn erregten. Viele Pogrome ereigneten sich unter den fingierten Vorwürfen von ®Brunnenvergiftung, ®Hostien- und ®Blutfrevel – man konnte ja nicht zugeben, dass man aus Geldgier („amore pecuniam rapiendi“) mordete.
Unter dem fingierten Vorwurf des Ritualmordes wurde 1285 in München ein Judenpogroms angezettelt, bei dem die Häuser der Judengasse niedergebrannt und ca. 180 Juden umgebracht wurden. Ein Zeitzeuge schrieb: "Verprent worden di Juden, man und weib (...) darumb das si ain kristskind getöt heten". - Die Juden in Franken wurden Im Jahre 1241 fand in Frankfurt/M. eine "Judenschlacht" statt, in deren Verlauf die gesamte Geneinde ermordet wurde. Selbst der Friedhof wurde verwüstet, die Granbstein wurden im Dom verarbeitet. - In Franken wurde die judenschaft 1298 in einem nach seinem Anführer Rindfleisch (rex Rintfleisch, nobilis R.) benannten und von Habgier und Mordlust gespeisten Pogrom dezimiert. In dessen Verlauf folterte und schlachtete man, ausgehend von Röttingen a. d. Tauber, die Juden in weit über 100 Ortschaften; in Bamberg wurden am 27. Juli 1298 etwa 135 Angehörige der Judengemeinde ermordet. Dem selben Mordzug fielen in Tauberbischofsheim 131, in Nürnberg 628, in Rothenburg fast 500 und in Würzburg 900 Juden zum Opfer. - Jacob Twinger spricht in seiner Straßburger Chronik von „hundert tusent Juden“, die von den Horden des Rindfleisch anno 1298 „zuo Würzeburg und zuo Nürenberg und in den stetten do umb“ getötet worden seien.
Als weiteres Beispiel der unzähligen Judenjagden sei die Armleder-Bewegung genannt. 1336 und 1337 zog der Ritter Arnold d. J. von Uissigheim (bei Wertheim), wegen seines ledernen Armpanzers König Armleder genannt, an der Spitze eines mordlüsternen Christenhaufens durch die Länder zwischen Tauber und Main und brachte ca. 1.500 Juden um. Auslöser waren Schmähworte gegen eine konsekrierte Hostien, die Arnold in Rothenburg o.T. von Juden gehört haben wollte. (Arnold wurde zwar noch Ende des gleichen Jahres durch das Schwert hingerichtet, dem Volk blieb er jedoch „der selige Arnold“ ("beatus Arnoldus"). Er wurde als Märtyrer verehrt und sein Hochgrab in der Kirche von Uissigheim wurde zu einem vielbesuchten Wallfahrtsort.)
Aus Schweizer Städten wurde die Juden ausgewiesen, nachdem das Zinsverbot aufgehoben und jüdische Geldverleiher somit überflüssig geworden waren (Luzern 1384, Bern 1427, Basel 1397). 1337 grassierten Pogrome in Hessen, an Mittel- und Oberrhein, in den Bistümern Trier und Straßburg. 1338 verbrannte man die Juden in Straubing wegen einer Heuschreckenplage („Hoc anno volavit multitudo locustrarum. Eodem anno cremati sunt Judei in Straubing“).
Die Nürnberger Juden – 562 Menschen – wurden 1349 "verprant an sant Niclos abent", weil ihr Viertel im Laufe der Stadtentwicklung in zentrale Lage geraten war und dem Rat als hinderlicher Fremdkörper erschien. An der Stelle des ehemaligen Judenquartiers wurden der Haupt- und der Obstmarkt eingerichtet, am Ort der Synagoge entstand die Frauenkirche (geweiht 1358). 1385 und 1391 kam es zu weiteren Judenverfolgungen, der sog. "Großen Judenschuldtilgung".
Von 1348 bis 1350 kam es zu häufigen Judenpogromen im Zusammenhang mit Pestausbrüchen. (Aus der Straßburger Chronik des Jacob Twinger: „Juden uf zwei tusent wurdent zuo Strosburg verbrannt an sant Veltins tage [13. Februar; d. Verf.] 1349. und in dem selben jore wurdent die Juden gebrant durch die gantze cristenheit“.) Die Pestpogrome begannen 1348 in der Schweiz, wüteten danach in Schwaben, Bayern, Franken, im Elsass und der Pfalz, um sich 1349 nach Norddeutschland, Hessen, Schlesien und Österreich auszudehnen. Aber auch nach der großen Pest gingen die Judenverfolgungen weiter, hatten sich doch Juden in den Orten wieder sesshaft gemacht, die durch Mord oder Vertreibung judenfrei gemacht worden waren.
Die blühende Judengemeinde Prags, etwa 4.000 Menschen, wurde 1389 unter den Vorwürfen von Brunnenvergiftung und Hostienschändung fast vollständig ausgelöscht.
1420 ließ Herzog Albrecht V. von Österreich die Juden in seinen Ländern auf einen Blutfrevelvorwurf hin verhaften, ihr Vermögen einziehen und im Jahr darauf alle Bekehrungsunwilligen verbrennen.
Von Judenhass und Habgier motiviert waren auch die Judenvertreibungen, die im 15. Jh. stattfanden; so in Salzburg (1404), Speyer (1405 und 1435), Trier (1418), Mainz (1420 und 1438), Zürich (1423 und 1436), Bern (1427), München (1442), Breslau (1453), Genf (1454) sowie in Köln, Augsburg, Freiburg, Ravensburg, Burgdorf, Schaffhausen und vielen anderen Städten.
Als rühmliche Ausnahmen, bei welchen sich eine Obrigkeit dem Mob entgegenstellte, seien Würzburg und Regensburg genannt. Im ersten Falle taten sich die städtische Oberschicht mit dem Stadt- und Landesherren, dem Würzburger Bischof Otto von Wolfskehl zusammen, um die Haufen des Königs Armleder zurückzuschlagen. Im zweiten Fall waren es die angesehensten Bürger der Stadt Regensburg, die zusammen mit dem Bürgermeister und dem Rat der Stadt dem Pöbel entgegentraten und so die örtliche Judenschaft vor der Ausrottung bewahrten. Auch Herzog Albrecht V. von Österreich griff gegen Judenschlächter hart durch, konnte aber nicht alle Judengemeinden Österreichs vor Ausschreitungen schützen (um 1420). Als einsichtiger Beobachter erwies sich der Straßburger Chronist Jacob Twinger, der um 1400 notierte: "Das [Geld] war auch das Gift, das die Juden tötete." (Zit. nach A. Herzig)
(s. Memorbuch)