Kriegsmaschinen

Aus Mittelalter-Lexikon
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Kriegsmaschinen (mhd. wicgerüste, antwerce; lat. belli instrumenta, belli apparatus, machinae bellicae) dienten im wesentlichen zu Belagerungszwecken und waren schon im Altertum bekannt. Man unterschied zwischen Trutz- bzw. Angriffsmaschinen ("machinae oppugnatoriae") und Schutzmaschinen ("machinae tectoniae"). Zu ersteren zählten meist unter einem fahrbaren Schutzhaus aufgehängte Mauerbrecher (Widder, Tummler, Ramm-, Sturmbock – durch Menschenkraft bewegte Pendelbalken mit metallbewehrtem, häufig einem Widderkopf nachempfundenem Vorderende) sowie diverse Wurfmaschinen (machinae jaculatoriae, s.u.), die mit der Kraft von Stahlfedern, Torsionssehen oder Gegengewichten lange Pfeile, schwere Steine und andere Geschosse schleuderten. Zu den Schutzmaschinen gehörten trag- oder fahrbare Schutzschirme (mhd. katze, katzenwerc), Wandeltürme (mhd. ebenhoehe; lat. castellum: gedeckte Leitern auf einem Fahrgestell, von deren oberster Plattform über eine Fallbrücke die Mauerkrone angegriffen wurde) und Hebekästen (in welchen gedeckt ein Sturmtrupp auf das Mauerniveau gehoben wurde). Gegen Brandpfeile waren derartige Holzkonstruktionen meist durch einen Überzug aus ungegerbten, angefeuchteten Fellen geschützt.
Die "Mange" (mhd., v. mlat. manga, manganolium; mhd. auch onager) funktionierte nach dem Torsionsprinzip, d.h. sie bezog ihre Wurfenergie aus einem mittels Handkurbel verdrillten Sehnen- oder Seilstrang, in dem das untere Ende des Wurfarms steckte. Der Wurfarm wurde bis zur Horizontalen herabgewunden und konnte nach Freigabe der Sperre um 90°, also bis zur Senkrechten emporschnellen, wo er durch einen gepolsterten Querbarre abgefangen wurde. Das Geschoss wurde im Moment der größten Beschleunigung bei etwa 60° freigegeben. Die Mange diente zum Verschießen wenige Pfund schwerer Steine. Nachteilig war, dass der Aufprall des Wurfarms auf die ledergepolsterte Prallfläche das Gerät bei jedem Schuss dejustierte und starken Verschleiß mit sich brachte.
Die "Balliste" (mlat. ballista, ballistarium v. grch. ballein = werfen; mhd. springolf; auch Lithobol, Katapult; in hansischen Seestädten "Treibendes Werk" genannt) bezog ihre Schussenergie aus einer mittels Haspel oder Schraube gespannten Bogensehne; sie schleuderte aus der Schussrinne des Gestells, an dem der Bogen montiert war, leichtere Steine oder schwere Bolzen bzw. Brandpfeile. Unter "Arcuballiste" ist eine übergroße Armbrust zu verstehen, die auf einem feststehenden oder fahrbaren Gestell montiert war und Bolzen oder kurze Speere aus Eisen oder Holz verschoss.
Als die Befestigungsanlagen immer höher und stärker geworden waren, traten (im 12. Jh.) Hebelgeschütze an die Stelle der weniger wirksamen Torsionsgeschütze. Das Hebelgeschütz (triboc, blide) arbeitete nach dem Prinzip des ungleicharmigen Hebels. Die Wurfenergie stammte entweder aus der koordinierten Muskelkraft der Bedienungsmannschaft ("Ziehkraftblide") oder aus der Lageenergie von Steinen oder anderen Gewichten, die sich in einem Kasten am Ende des kurzen Arms befanden ("Gegengewichtsblide"). Bei einem Gegengewicht von dreißig Zentnern konnte ein Wurfarm von 8 m Länge ein 100 kg-Geschoss etwa 75 m weit werfen; die größte Wurfweite konnte bis 500 m betragen. Bei der Blide wurde die Länge des Wurfarms – und damit die Wurfenergie – durch ein langes Seil vergrößert, an dessen Ende die Schleudertasche befestigt war. Die Wurfmaschine wurde schussbereit gemacht, indem der lange Arm mit einer Winde zu Boden gezogen wurde. Nach dem Lösen des Spannseils schnellte der Arm nach oben, wurde in seinem Schwung an einem Prallbalken plötzlich angehalten, sodass das an seinem löffelartigen Ende oder in einer Schleudertasche gelagerte Geschoss weggeschleudert wurde. Beim "triboc" (mhd., v. mlat. trabucium) war das Gewicht am kurzen Arm fest, bei der "blide" (v. grch. palida = Schleuder; auch "blyte", "pleite" oder "biffa") am kurzen Arm beweglich montiert. Das Kaliber der Wurfsteine reichte von faustgroßen Brocken bis zu Steinen von mehreren Zentnern. Der schwerste je verschossene Steinbrocken soll (1346 bei der Belagerung Zyperns) 1,4 Tonnen gewogen haben. Eine von dem Experimentalarchäologen Thomas Stolle auf der Runneburg (bei Erfurt) nachgebaute Blide erbrachte bei Tests mit etwa 2 Ztr. schweren Steinkugeln Reichweiten von ca. 300 m bei erstaunlicher Treffsicherheit. (Ma. Militärs benutzten als Wurfgeschosse nicht nur Steine, sondern auch Brandbomben, Bienenkörbe, Tontöpfe mit ungelöschtem Kalk, Aas oder Fäkalienfässer; von letzteren ging – zumal in sommerlicher Hitze – derartige Luftverpestung [s. Miasma] aus, dass die Belagerten aus Furcht vor Erkrankung aufgaben.)
Die verwendeten Termini lassen nicht immer eine eindeutige Identifizierung der Wurf- und Schussmaschinen zu.
Kriegsmachinen waren – mit Ausnahme der eisernen Achsen und Lager der Wurfgeschützarme – aus Holz, hölzernen Nägeln, Lederriemen und Tauwerk konstruiert. Sie wurden in Friedenszeiten üblicherweise in Einzelteile zerlegt und im Zeughaus aufbewahrt. Im Kriegsfall brachte man die Einzelteile zum Einsatzort und setzte sie dort zusammen. Über die Verwaltung der städt. Kriegsmaschinen geben Chroniken und Rechnungsbücher des 14./15. Jh. Auskunft, so die von Aachen, Frankfurt/Main, Köln, Naumburg, Würzburg, Basel und Straßburg. Die Konstruktion erläutern sma. Bilderhandschriften, etwa Konrad Kyesers „Bellifortis“.