Labyrinth

Aus Mittelalter-Lexikon
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Labyrinth (grch. labyrinthos = Haus mit Irrgängen; nach der grch. Sage hauste im labyrinthisch angelegten Palast von Knossos ein Mischwesen aus Mensch und Stier, der von Theseus mittels der Orientierungshilfe des Ariadnefadens überwunden wurde). Hier: eine von einer Spirale abgeleitete, kunstvoll verwickelte geometrische Figur. Die Linien der Figur sind als Mauern des zwischen ihnen freigelassenen Weges zu begreifen. Dieser Weg führt – ohne Kreuzungen und blind endende Abzweigungen – zwangsläufig zum Zentrum („Einweglabyrinth“). Hier muss der Besucher seine Gehrichtung ändern, um vom Ziel wieder zum Ausgangspunkt zu gelangen. Labyrinthe wurden vielerorts als Mosaik dem Kirchenboden eingelegt oder in die Bodenplatten eingeritzt und waren vom Umriss her kreisförmig (Chartres), quadratisch (Algier), oder achteckig (Reims, Amiens). Christliche Denker, mit den Mythen der Antike vertraut, assoziierten Christus mit dem Helden Theseus: Christus hat sich wie dieser in die Unterwelt begeben, das Böse besiegt; er führt die Menschheit mit dem Faden der Liebe aus den verschlungenen Wegen des Lebens zum Heil.
Eines der ältesten christl. Labyrinthe findet sich in der Reparatus-Basilika von Orleansville in Algier, erbaut 324. Es ist quadratisch angelegt und in vier, wiederum quadratische und allesamt zu durchlaufende Sektoren gegliedert. Von dem im Norden, im Bereich der Dunkelheit gelegenen Eingang ausgehend erreicht der Pilger das Zentrum, den Bereich des Lichts, der als „sancta ecclesia“ bezeichnet ist. – In seiner „Evangelienharmonie“ (863 - 871) beschreibt Otfried von Weißenburg ein kreisförmiges Labyrinth mit elf Umgängen in konzentrischen Kreisen. (Elf war eine Unglückszahl, da sie sowohl die Zahl der göttlichen Gebote um eins überschreitet ®Zahlensymbolik als auch die um Judas verminderte Zwölfzahl der Apostel darstellt.) – Die Labyrinthe der Kathedralen von Reims und Amiens verweisen mit ihrer achteckigen Form auf die Auferstehung und das ewige Leben. – Wohl das bekannteste noch erhaltene Kirchenlabyrinth ist das in der Kathedrale von Chartres. Es wird von Westen her betreten, der Richtung des Abends und des Gerichts, und führt in elf, eine Kreuzesform bildenden konzentrischen Umgängen mit 28 Kehren zur Mitte. Der durchschrittene Weg ist vierzigmal länger als die direkte Verbindung von Eingang und Zentrum. – Das bekannteste Beispiel in Deutschland in St. Severin (Köln) wurde 1850 zerstört. – Mit dem Finger nachzuziehen ist ein Labyrinth neben dem Portal des Domes zu Lucca.
Labyrinthe konnten von beträchlicher Größe sein und die ganze Breite des Kirchenschiffs einnehmen. Sie symbolisierten den durch Irrwege gefährdeten und durch unvorhersehbare Brüche gewundenen (Lebens-, Pilger-)Weg zum zentralen Ziel der Erlösung ("Jerusalemsweg"). In diesem Sinn und aus Freude am Rätsel wurden sie von den Gläubigen abgeschritten oder auf Knien durchrutscht. In französischen Kathedralen wurde das Labyrinth zum Osterfest zur Weise des Osterhymnus durchtanzt, war doch der Tanz der dem Fest angemessene Ausdruck höchster Freude. Wie andere Labyrinthe auch, wurde das nicht mehr bestehende große Labyrinth der Kathedrale von Reims im 13. Jh., als die Pilgerreise ins Heilige Land nicht mehr möglich war, unter bestimmter Gebetsleistung im Sinne einer Jerusalemfahrt durchlaufen, was den gleichen Gnadenschatz erbrachte wie Reise selbst.
Im Zentrum mancher Labyrinthe ma. Kathedralen waren Platten eingelassen, auf welchen sich die Namen der Baumeister eingeschrieben fanden. Derartig signierte Labyrinthe wurden „Haus des Daidalos“ genannt, nach dem mythologischen Erbauer des Labyrinths im Palast von Knossos, der von den Architekten des MA. als beruflicher Ahnherr angesehen wurde.
(Die von der Renaissance an beliebten Heckenlabyrinthe in Schlossgärten hatten keine mystischen oder spirituellen Bezüge mehr; sie dienten höfischen Vergnügungen, ihre Irrwege und Sackgassen verleiteten zu – meist erotisch motivierten – turbulenten Spielereien.)