Opus maius

Aus Mittelalter-Lexikon
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Opus maius (lat., = größeres Werk). ®Roger Bacons enzyklopädischer Grundriss seiner natur- und geisteswissenschaftlichen Ansichten, um 1265 niedergeschrieben auf Wunsch seines Förderers, Papst Clemens´IV. Ziel der Schrift war eine grundlegende Reform aller Wissenschaften der Zeit. Das Opus ist in sieben Teile gegliedert:
1.) "Ursachen des Irrtums". Hier wendet er sich gegen die unkritische Autoritätsgläubigkeit der Scholastiker, gegen deren Vorurteile und Scheinwissen. Er argumentiert gegen Philosophen, die - nach Art der antiken Sophisten - die aristotelischen Schriften allein nach deren Buchstaben und nicht nach deren Geist erforschten.
2.) In "Philosophie und Theologie" bestätigt er die absolute Gültigkeit der Bibel und den Autoritätsanspruch der Kirche, versucht aber auch nachzuweisen, dass das philosophische Denken für die Erlangung göttlicher Wahrheit von großer Bedeutung sein kann. Er entwirft eine Genealogie der antiken Philosophie und verknüpft sie mit Angaben zu Kirchenlehrern und arabischen Autoren. Als Quintessenz seiner Geschichte der Philosophie will er verstanden wissen, dass das philosophische Denken dem Denken der Theologen in nichts nachsteht.
3.) In "Das Studium der Sprachen" beklagt er Ungenauigkeit und Unrichtigkeit von Übersetzungen und empfiehlt, erst nach gründlichem Sprachstudium an die Originalliteratur heranzugehen und wissenschaftlich korrekte Übersetzungen anzufertigen. Er schuf hierfür die erste griechische und hebräische Grammatik für die lat. Christenheit.
4.) Unter "Mathematik" subsumiert er auch Geometrie, Astronomie/Astrologie, Musik und Geographie. Er empfiehlt das Experiment als Methode der Forschung und die mathematische Formulierung der Ergebnisse und bereitet so die Mathematisierung der Naturwissenschaften vor. Nicht zuletzt ist er vom Wert der Mathematik für die Bibelauslegung überzeugt ("Mathematicae in divinis utilitas"); nur durch mathematische und geometrische Kenntnisse seien die vielen Zahlenangaben und Symbole der Hl. Schriften zu verstehen.
5.) "Über die Wissenschaft von der Perspektive" ist das Kapitel überschrieben, das die Optik und die Physiologie des Sehens behandelt. Darin beschreibt er Linsen, Sehstrahlen, Vergrößerungs- und Ferngläser und formuliert eine Reihe optischer Gesetze.
6.) Die experimentelle Wissenschaft ("scientia experimentalis") bedeutet für Bacon noch eigentlich "wissenschaftliche Erfahrung", jedoch empfiehlt er praktische Versuche zur Erkenntnis allgemeiner Gesetze. In diesem Kapitel begründet er seine Erwartung an die alkimia bezüglich deren Bedeutung für die Klärung philosophischer Probleme und äußert visionäre Vorstellungen von künftigen Maschinen und Techniken ("Epistola de secretis operibus artis et naturae").
7.) Für die Moralphilosophie erhebt Bacon den Anspruch der Priorität, ist doch das Wissen vom guten und richtigen Leben wichtiger als alles Wissen von den Dingen. Somit ist die Religion die Herrin aller Wissenschaften. Beim Vergleich der großen Religionen kommt es Bacon eher auf übereinstimmende als auf trennende Merkmale an.
Wenngleich Bacon in seinen Ideen den Zeitgenossen weit voraus war, so blieb er doch deren Weltbild verhaftet. So hält er die Geheimlehren Alchemie, Astrologie und Magie für den Höhepunkt der Naturphilosophie und nimmt die Wundergeschichten eines Plinius oder Boethius über Fabelwesen und Schimären für bare Münze.