Ratten

Aus Mittelalter-Lexikon
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Ratten (mhd. rat, rate, ratte, ratz; lat. mus; mus rattus [Haus-, Dachratte]; mus decumanus [Wanderratte]). In Rudeln lebendes Nagetier von weltweiter Verbreitung und großer Formenvielfalt; als kulturfolgender Allesfresser äußerst anpassungsfähig, dabei reproduktionsfreudig und widerstandsfähig. Für das europ. MA. waren die Hausratte (Rattus rattus) und die Wanderratte (Rattus norvegicus) von Bedeutung. Während Erstere wohl während der Röm. Kaiserzeit mit Handelsschiffen aus Asien und Afrika nach Europa gelangten (erster Beleg aus dem Mittelrheingebiet, 2. Jh. u.Z.), ist Letztere frühestens während des MA. von Osten her eingewandert. Die Hausratte ist eher nachtaktiv und bevorzugt hochgelegene, trockene Gebäudeteile („Dachratte“); sie ernährt sich ausschließlich Pflanzlich, vorzugsweise von Getreidekörnern. Die Wanderratte ist in ihrer Aktivität weniger zeitgebunden, sie sucht die unteren und unterirdischen Gebäudeteile auf und ist ein guter Schwimmer und Kletterer, was ihr das Entern und Verlassen von Schiffen leicht macht. Als Allesfresser tötet sie auch kleine Jungtiere (etwa Kaninchen oder Küken), frisst gar ausgewachsenen fetten Sauen Löcher in die Schwarte oder fällt Säuglinge an. Insgesamt fanden Ratten bei den miserablen hygienischen Verhältnissen in den Dörfern und Städten der Zeit beste Lebensbedingungen.
Wie ma. Legenden und Märchen nahelegen, stellte das massenweise Auftreten von Nagern mit verheerenden Folgen für Felderträge und Vorratshaltung eine reale Gefahr dar (Rattenfänger v. Hameln, Mäuseturm).
Ratten haben als direkte oder indirekte (Rattenfloh) Krankheitsüberträger (von Tollwut, murinem Fleckfieber, Weilscher Gelbsucht – vor allem aber der Pest) den Verlauf des europ. MA. beeinflusst. Zwar sind die Tiere selbst dem Pesterreger massenweise zum Opfer gefallen, doch wurde diese Tatsache nicht in einen Kausalzusammenhang mit der Pest des Menschen gebracht. (Erst um 1507 begann man den Zusammenhang zwischen Seuchen und der Rattenplage zu erahnen.) Erreger werden übertragen durch Rattenflöhe und durch mit Rattenurin oder –kot verschmutze Nahrungsmittel und Gegenstände.
Ratten galten – Schadgetier, das sie waren – als vom Teufel oder von Hexen beherrscht. Man jagte sie mit Hunden und Katzen, mit Iltissen und Mardern, legte Giftköder (Arsen) aus und stellte ihnen mit Tot- und Lebendfallen nach; äußerstenfalls wurden sie exorziert oder durch ein geistliches Gericht verurteilt. Rattenfänger - fahrende oder städtisch bedienstete - wurden nach der Stückzahl ihres Fangs besoldet; mochte diese noch so groß sein, durchschlagender Erfolg konnte ihrer Arbeit nicht beschieden sein. (Nach einer städt. Abrechnung legte ein Rattenfänger 164 Ratten, ein Mäusefänger 360 Mäuse zur Entlohnung vor.)
Zur Abwehr der Ratten suchte man Schutz bei Heiligen, die auch Mäuseschaden abwehrten, besonders bei St. Gertrudis, St. Medardus und St. Ulrich. Auch durch Lärmen mit Glocken und anderen Instrumenten suchte man Ratten wie Mäuse zu vertreiben.
Dem Aberglauben der Zeit galten die abscheuerregenden Ratten als giftig, besonders ihr langer, unbehaarter Schwanz mit seinen bis zu ca. 200 Ringen. Gegenstände, die von Ratten berührt worden waren, hatten verderbliche Ausstrahlung. Hexen und Hexenmeister wurden für das Auftreten von Ratten verantwortlich gemacht. Diese dämonischen, mittels Teufelskunst aus Dreck erzeugten Tiere waren angeblich dadurch zu erkennen, dass sie von Katzen nicht angegriffen wurden.
(Konrad v. Megenberg bezeichnet den Siebenschläfer als "Waldratte"; auf diesen bezieht sich die RW "schlafen wie ein Ratz".)
(s. Pest, Ungeziefer, Vorratshaltung)