Scheintod

Aus Mittelalter-Lexikon
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Scheintod (spätlat. mors putativa). Schon im MA. gab es Scheintodängste, die sich jedoch erst im 18./19. Jh. zu einer allgemeinen Hysterie steigern sollten. Sie gründeten auf der Angst vor dem Lebendig-begraben-werden in einem dem Tiefschlaf ähnlichen Zustand (vita minima, vita reducta) mit stark herabgesetzten Vitalfunktionen (Atmung, Herzschlag, Puls, Reflexe). Ursachen des Scheintods können sein: beginnendes Ersticken bzw. Ertrinken, Unterkühlung, Vergiftung (z.B. durch Alkohol, Tollkirsche), Herzstörungen, großer Blutverlust, Gehirnerschütterung, Schlaganfall, Nachwirkung epileptischer oder anderer Krampfanfälle. Die Angst vor dem Scheintod wurde wohl ausgelöst durch Erzählungen vom Wiedererwachen vermeintlicher Toter während der Totenwache (s. Sterben) und durch Begebnisse während des großen Sterbens der Pestzeiten, als mit den Leichen auch manch einer von den Pestknechten abgekarrt und in ein Massengrab geworfen wurde, der irrtümlich für tot erachtet worden war. (Hierzu berichtet der Paderborner Historiograph Gobelinus Person, dass in seiner Heimatstadt anno 1350 Seuchenopfer in ein Massengrab geworfen worfen seien, deren viele noch gelebt und sich bewegt hätten.) Ängste schürten auch Ereignisse wie die nachfolgend Geschilderten: Auf dem Kölner Friedhof soll 1357 eine Frau namens Richmuth ihrem Grabe entstiegen sein, als dieses vom Totengräber und dessen Knecht mit der Absicht wieder geöffnet worden war, die Grabbeigaben zu stehlen. Und: Der zur Sektion in der Wiener Anatomie freigegebene Leichnam eines – wohl nicht mit genügender Sorgfalt – hingerichteten Delinquenten wurde auf dem Seziertisch wieder lebendig, worauf diesem das wiedergefundene Leben und die Freiheit geschenkt wurden (1491).
Aus Furcht vor dem Scheintod wurde als testamentarische Verfügung gesetzt, den Leib nach dem vermeintlichen Eintreten des Todes nicht sogleich einzunähen, sondern etliche Stunden mit belebenden Essenzen zu massieren und dabei das Gesicht gut zu beobachten „... und mit der begrebnuß kainswegs eilen!“ (Testament des österr. Kanzlers Marx Treitzsauerwein).
(s. Tod)