Sterben

Aus Mittelalter-Lexikon
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Sterben (mhd. sterbe = das Sterben, der Tod, eine Seuche, die Pest; mhd. sterben [Verb] häufig mit dem Gen. causae: des spers, vrostes, hungers). Das Sterben war – anders als heute – im MA. nicht tabuisiert, der Sterbende wurde nicht gemieden. Angehörige und Freunde, Arzt und Kleriker, Nachbarn und Standesgenossen kamen am Sterbelager zusammen, trösteten mit Worten, beteten gemeinsam und sangen Bußlieder. Dem Todkranken wurden besondere Sterbekleider angelegt; er beichtete, erhielt Kommunion und Letzte Ölung (das sog. Viatikum), um so versehen einen "seligen Tod" (bona mors) zu erwarten. Papst Urban IV. machte 1263 den Brauch allgemein verbindlich, dass der Priester unter Glockengeläut und mit Begleitung des Volks den Versehgang zum Haus des Kranken zurücklegte. Kurz vor Eintritt des Todes wurden die Sterbenden aus dem Bett genommen und auf den nackten Fußboden, auf Stroh oder eine auf Decke aus Ziegenhaar (Cilicium) gelegt. Damit sollt ein Zeichen der Demut (humilitas) gegeben und der Übertritt in die Unterwelt erleichtert werden. Dem Gestorbenen wurden die Augenlider und der Mund geschlossen: ersteres aus Furcht vor dem bösen Blick, das Letztere, um das Zurückkehren der Seele in den Körper zu verhindern, könnte der Tote doch sonst zu einem dämonischen „Wiedergänger“ werden. Der Leichnam wurde gewaschen (mit Wasser oder Wein), mit Spezereien eingerieben, in ein Büßerhemd oder ein weißes Laken eingeschlagen, aufgebahrt, besprengt und beräuchert. Das Öffnen eines Fensters oder das Abheben eines Dachziegels sollte einen Ausgang für die Seele schaffen. Die Anwesenden taten ihre Trauer durch Tränen, Klagerufe und Gebärden (Raufen des Haares, Schlagen der Brust, Zerkratzen des Gesichts, Zerreissen des Gewands) kund. Während der Zeit bis zum Begräbnis (meist nach 24 Stunden) wurde mit Beten, Singen, Essen und Trinken Totenwache gehalten. Es wird von Fällen berichtet, in welchen während der Totenwache der vermeintlich Verstorbene wieder erwachte und über Jenseitserlebnisse wie über alle Begebenheiten während seines scheinbaren Todes erzählte (z.B. im „Dialogus miraculorum“ des Caesarius von Heisterbach).
Spätestens auf dem Sterbelager wurden Verfügungen getroffen, die das jenseitige Heil sichern sollten, wie fromme Stiftungen, Seelenmessen und Fürsprache im Gebet (s. Testament). Vom Eintreten des Todes kündete weithin ein besonderes Glockengeläut und das laute Klagegeschrei der Frauen. (Zu Zeiten massenhaften Sterbens wurde dagegen das Totengeläut, lautes Klagegeschrei und das Tragen von Trauerkleidung untersagt.) Der Verlust eines geliebten Menschen konnte die Angehörigen und Freunde in Verzweiflung und Melancholie verfallen lassen; er hatte jedoch stets auch eine gemeinschaftsstärkende Wirkung, unter welcher sich die ganze Familie umso enger zusammenschloss.
Sowenig wie das Sterben der Laien war das im Kloster ein privates Geschehen. Am Sterbebett im infirmarium kamen die Klosterbrüder (-schwestern) zusammen, um gemeinsam zu beten. Der Sterbende wurde dann zur öffentlichen Beichte in den Kapitelsaal getragen. Wieder in seinem Krankenzimmer, erhielt er die Sterbesakramente und nahm, beginnend beim Abt oder Prior, mit einem Friedenskuss Abschied von den Mitbrüdern. Nach dem Versehen wurde der Sterbende aus dem Bett gehoben ("levare de lecto"), auf eine mit Asche bestreute Matte, auf ein Bahrtuch oder auf eine Strohschütte auf den Boden gelegt ("deponi ad terram", Symbol für die Rückkehr in den Schoß der Erde) und bis zum Eintritt des Todes ununterbrochen von den Gebeten der Mitbrüder begleitet.
Neben dem friedlichen Ableben im Sterbebett, dem von kirchl. Ritualen begleiteten "guten Sterben", hat es natürlich eine Vielzahl andere Möglichkeoiten gegeben, aus dem Leben gerissen zu werden: da waren der frühe Tod im Säuglings- oder Kindesalter, das plötzliche Ende durch Unfall oder Gewalt, das Massensterben infolge einer Seuche, der Tod auf dem Richtplatz oder der Selbstmord.
(s. Bestattung, Cilicium, Friedhof, Scheintod, Selbstmord, Tod, Totengeläut s. Glockenläuten, Totengräber, Trauer)