Tischzuchten

Aus Mittelalter-Lexikon
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Tischzuchten. Im HMA. und SMA. entstanden Lehrschriften in Reimform, die das rechte Verhalten bei Tisch zum Inhalt hatten. Adressaten waren zunächst Klosterbrüder, sodann die ritterlich-höfische Gesellschaft, später das Bürgertum. Vorläufer der volkssprachlichen Tischzuchten waren die mlat. Werke aus dem klösterlichen Bereich (z.B. die „Disciplina clericalis“ des Spaniers ® Pedro Alfonso [gest. um 1140]). Die Tischzuchten des SMA. (z.B. „Ain spruch der zu tisch kert“, „Der kindere hovescheit“, „Rossauer Tischzucht“, „Karlsruher T.“, „Göttweiher T.“) finden endlich Nachläufer in einer plumpen („grobianischen“) Stilart, die sich des negativen Beispiels gegenhöfischen Benehmens als didaktischen Mittels bedient. Aus dem – fälschlicherweise – „Hofzucht“ genannten Gedicht eines 1393 in Innsbruck nachgewiesenen Wandermönches Thannhäuser stammt folgende Textprobe:

„Und der sich über die schüzzel habet,
so er izzet, als ein swin,
und gar unsuberliche snabet (schnaubt)
und smatzet mit dem munde sin.

Der riuspet, swenne er ezzen sol,
und in daz tischlach sniuzet sich,
diu beide ziment niht gar wol,
als ich des kan versehen mich.“

Clara Hätzlerin gibt in ihrem Lehrgedicht „Von tisch zucht“ Anleitungen zur Etikette bei Tisch. Nach Händewaschung und Tischgebet setzt man sich gemäß der gebotenen Ordnung nieder. Der erste Bissen wird vom dem am Haupt des Tisches Sitzenden genommen, vor dem Essen zu trinken gilt als unfein. Man soll keinen Gang verschmähen und sich jeweils nur eine kleine Portion auflegen:

„Schneid von der cost nach not,
Das du nit werdest ze spot,
Leg das ander hinwider
In die schüsseln nider.“

Eind sma. Anstandslehre schärft ein, bei Tisch fettige Finger nicht abzulecken oder am Rock abzuwischen, sondern dazu das Tischtuch oder die Serviette zu benutzen.

Insgesamt sind die Tischzuchten als Hygienevorschriften zu betrachten und als Verhaltensregeln zum rechten Umgang mit den Tischgenossen.

(s. Serviette)