Walther von der Vogelweide

Aus Mittelalter-Lexikon
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Walther von der Vogelweide („cantor Waltharius“; 1170 - 1230). Abstammung und Geburtsort Walthers sind ungenannt, er dürfte jedoch einem unbegüterten ritterbürtigen oder ministerialen Geschlecht in Niederösterreich entstammen ("Ze Osterriche lernte ich singen unde sagen"). Er erhielt seine Bildung vermutlich an einer Klosterschule, fand um 1190 eine Anstellung am Wiener Hof, wo er Schüler Reinmars von Hagenau wurde und "singen und sagen" lernte. Bald geriet er in heftige persönliche und literarische Auseinandersetzungen mit seinem Lehrmeister. Aus unbekannten Gründen des Hofes verwiesen, führte er ein unstetes Leben als fahrender Sänger, hielt sich in der Umgebung Philipps von Schwaben auf, mit dessen Gefolge er u.a. nach Magdeburg (1198), auf die Wartburg (1200, 1207) und nach Meißen kam. Etwa seit 1213 war er im Dienste Friedrichs II. von Hohenstaufen, um 1220 erhielt er von Friedrich bei oder in Würzburg das langersehnte "Lehen", eine Sinekure nach einem unbehausten Leben. Im Kreuzgang des Neumünsters von Würzburg soll er begraben sein. (Grund für diese Annahme gibt eine Würzbuger Notiz aus der Mitte des 14. Jh., die "de milite Walthero dicto von der vogelweide" spricht.)
Im Dienste seiner verschiedenen Herren bezog er mit politischer Spruch-Dichtung Stellung zu aktuellen Ereignissen, so zum Thronstreit zwischen Staufern und Welfen, zur Auseinandersetzung zwischen Kaisertum und Papsttum und zur Rivalität zwischen Zentral- und fürstlicher Partikularmacht. Er forderte zur Rettung der Ordnung in Deutschland eine starke Zentralgewalt, trat für die Unterordnung des Papsttums unter die Macht des Kaisers ein und geißelte in seinen "Papstsprüchen" Unmoral, Macht- und Besitzgier der Kurie. Bei seinen meisterhaft geformten und tief erfühlten Minneliedern kam er von der idealisierten hohen Minne (wan-Minne) Reinmarscher Prägung zur realistischen niederen (erfüllten) Minne, die auf Gegenseitigkeit beruht ("minne ist zweier herzen wünne") und keine sozialen Schranken, keine Standesgrenzen mehr kennt. Sein Frauenlob gilt nicht der der „frouwe“ schlechthin, sondern nur noch der Würdigen. Tugendadel steht für Walther auf der gleichen Stufe wie Geburtsadel. Zu seinen schönsten Liedern zählen: "Herzeliebez frowelin", "Nemt, frowe, diesen kranz" und "Under der linden":

Under der linden
an der heide,
da unser zweier bette was,
Da muget ir vinden
schone beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schone sanc diu nahtegal.

Trotz eines gesicherten Lebensabends sind seine letzten Lieder und Sprüche von Pessimismus und Weltabkehr bestimmt. In einem seiner "Reichssprüche" (der wohl auch auf seine Standesgenossen gemünzt ist) heißt es:

untriuwe ist in der saze,
gewalt vert uf der straze:
fride unde reht sint sere wunt.

Ein Späterer, der Bamberger Schulmeister Hugo von Trimberg (um 1230 - um 1313), ehrte den Dichter mit den Worten: "Herr Walther von der Vogelweide / swer des vergaeze, taete mir leide". Die Meistersinger zählten Walther noch zu ihren großen Vorbildern (s. "Zwölf Alte Meister"); danach geriet er bis in 18. Jh. in Vergessenheit.