Alpenpässe

Aus Mittelalter-Lexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Alpenpässe. Politische, militärische, religiöse und wirtschaftliche Interessen ließen den Verkehr über die Alpen von der Karolingerzeit an wieder kräftig aufleben. Zwar hatten die Römer schon gute Pass-Straßen und Versorgungsstationen angelegt, diese waren jedoch nach deren Abzug verfallen und wurden zudem im Westen durch räuberische Sarazenen, im übrigen durch örtliche Räuberbanden unsicher gemacht. Eine sichere Verbindung zwischen dem Oberrhein und der Poebene führte im FMA. über Julier- (2287 m) und Septimerpass (2311 m). Im Osten gelangte man über den Brenner (1371 m), der als einziger Alpenpass mit Wagen befahrbar war, auch im Winter aus dem Donautal ins Etschtal und nach Oberitalien. – Nachdem die Sarazenen am Ende des 10. Jh. aus den frz. Seealpen vertrieben worden waren, lebte auch der Verkehr zwischen Frankreich und Italien über den Mont Cenis (2098 m) wieder auf. Hier überschritten dt. Kaiser 13 mal die Alpen. – Die kürzeste Verbindung zwischen Basel und Mailand, die erst im späten 13. Jh. an Bedeutung gewann, verlief über den Sankt-Gotthard-Pass (2108 m). Dazu mussten in der Schluchtstrecke der Reuß zwischen Andermatt und Göschenen Wege aus den Felswänden gebrochen und eine Brücke (die "Teufelsbrücke") über den Fluss geschlagen werden. Der Pass war als Saumweg für Pferde, Maultiere und Esel nur von Juni bis September/Oktober begehbar. Von der 2. Hälfte des 13. Jh. an wurde auch der Übergang über den Simplonpass (2005 m) zwischen dem Tal der oberen Rhone dem Toce-Tal benutzt. Weiter westl. gelangte man vom oberen Rhonetal über den Großen Sankt-Bernhard-Pass (2472 m, bis ins 12. Jh. noch "mons Jovis" genannt) ins Aostatal und nach Oberitalien. Der Mons Jovis war der bevorzugte Alpenübergang der Karolinger, von dt. Kaisern wurde er 20 mal benutzt. Weitere im MA. begangene Alpenpässe waren: Kleiner Sankt-Bernhard (2188 m), Lukmanier (1917 m), Arlberg (1793 m), Reschen (1504 m), Fernpass (1209 m), Jaufen (2094 m), Radstädter Tauern (1739 m) und Katschberg (1641 m).
Eine Alpenüberquerung dauerte je nach Pass für Einzelreisende ein bis zwei Wochen, für Warentransporte 14 bis 30 Tage. Zu Überquerungen während des Winters ist es nur in Ausnahmefällen gekommen.
An den Pass-Straßen wurden Klöster und ®Hospize angelegt, die zur Nacht oder bei Unwetter Unterkunft und Verpflegung boten. Zum Pass-Scheitel waren die letzten Hospize jeweils so gelegen, dass Reisende innerhalb eines Tages von der letzten Unterkunft über die Passhöhe zur nächsten kommen konnten. Dabei war weniger die absolute Wegstrecke als der zu überwindende Höhenunterschied von Belang. Seit dem 11. Jh. wurden auch auf der Scheitelhöhe Hospize eingerichtet.
Mit dem zunehmenden transalpinen Verkehr wuchs die Nachfrage nach entsprechenden Dienstleistungen. Gefragt waren vor allem wege- und wetterkundige Führer (marrones, marruci), außerdem Lastenträger und Lasttierführer. Die Gebirgsführer und Träger waren großenteils genossenschaftlich organisiert und arbeiteten möglicherweise nach festen Tarifen. Die Großen unter den Reisenden waren zwar mit eigenem Troß unterwegs, mußten aber am Fuße der Pass-Strecke ebenfalls zusätzliche Führer und Träger anheuern.
Weder bessere Wege noch Hospize oder Führer konnten indes verhindern, dass eine Alpenüberquerung ein großes Risiko für Leib und Leben blieb. Überraschender Witterungsumschwung mit Kälte, Sturm, Hagel, Schnee und vereisten Stegen, plötzlich einfallender Nebel, Bergstürze, Steinschlag, Hunger, Lawinen, wilde Tiere und Absturz über steile Klippen forderten ungezählte Menschenleben.
Das wechselhafte ®Klima im ma. Europa hat die Benutzbarkeit der Alpenübergänge entscheidend mitbestimmt. So war während des ma. Klimaoptimums (zwischen 800 und 1200, Höhepunkt um 1000) längere Benutzungsfrist und geringeres Gefährdungspotential gegeben als in der darauffolgenden Kälteperiode, die sich zwischen 1200 und 1400 ausbildete.
(s. Bergführer, marrones s. Hospiz; Reisezeiten; Saumwege)