Anselm von Canterbury

Aus Mittelalter-Lexikon
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Anselm von Canterbury (Anselmus Cantuarensis, 1033 - 1109; dt. verballhornt zu "maister Anselmus von Kandelberg", "Anshalm, der pischof von Chanzilwerch"; A. v. Aosta; A. Beccensis). Sohn einer wohlhabenden Familie aus Aosta (Savoyen), trat nach unruhiger Jugend 1060 in das normannische Benediktinerkloster Bec ein, dem er als Abt in der Nachfolge seines Lehreres ®Lanfrank von 1078 bis 1093 vorstand. Danach war er – mit politisch bedingten Unterbrechungen – bis zu seinem Tod Erzbischof von Canterbury.
Anselm gilt als einer der bedeutendsten Denker zwischen ®Augustinus und ®Thomas von Aquin, als der Begründer der akademischen Theologie (s. Scholastik). Die Überlegenheit der christl. Lehre gegenüber dem Islam und dem Judentum wollte er mit Mitteln der Logik, mit der Vernunft des Glaubens ("ratio fidei") beweisen. Allerdings sei der der Glaube Vorbedingung für den Gebrauch des Verstandes: Credo ut intellegam (Ich glaube, um zu verstehen). Er versuchte, die christl. Dogmen rational zu begründen und führte in seiner Schrift "Proslogion" (grch., = [betende] Anrede [an Gott]) seinen ontologischen Gottesbeweis. (Da Gott das vollkommenste Wesen sei, das wir denken können [aliquid, quo nihil maius cogitari possit], müsse er auch existieren, da er nicht vollkommen wäre, wenn ihm die Existenz fehlte. Bei diesem Beweisversuch ging Anselm als Universalienrealist von der Realität des Begriffs Existenz aus. Schon Thomas von Aquin hat den ontologischen Gottesbeweis verworfen. Der Kritik des Mönches Gaunilo von Marmoutiers ["Quid ad haec respondeat quidam ..."] antwortete Anselm mit der Schrift "Quid ad haec respondeat editor ipsius libelli".)
In "Monologion" versuchte er, Gott und die Dreifaltigkeit rein vom Verstand her zu erklären. In "Cur Deus homo" gibt er in Form eines Dialogs mit den Ungläubigen eine Erklärung für die Menschwerdung Christi. Zur Dämonologie äußert er sich in „De casu diaboli“. Weitere Werke: „De incarnatione verbi“, „De grammatico“ (sein einziges nicht-theologisches Werk).
Anselm gilt als "Vater der Scholastik", als deren Motto sein Satz vom "fides quaerens intellectum" (vom Glauben auf der Suche nach der Vernunft) gelten könnte. Er stritt auf seiten des Papstes im Investiturstreit gegen Heinrich IV. Wegen seiner propäpstlichen Stellungnahme gegen König Wilhelm II. von England und dessen Sohn Heinrich I. musste er nach 1097 zweimal außer Landes fliehen, bis er 1107 endgültig wieder in sein Erzbistum zurückkehren konnte. Seine letzten Lebensjahre widmete er der Reform seines Klerus.
(s. Gottesbeweise)