Bibliothek

Aus Mittelalter-Lexikon
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Bibliothek (mlat. bibliotheca = Büchersammlung, von grch. bibliotheke = Büchergestell; mlat. auch librarium oder armarium). Erste christl. Bibliotheken fanden sich im 4. Jh. in Konstantinopel, Kaisareia und Edessa. Die erste Klosterbibliothek des lat. Westens wurde 540 von ®Cassiodorus in dessen Kloster Vivarium eingerichtet. Frühe Klosterbibliotheken entstanden in St. Gallen, Bobbio, Lorsch, Cluny, York und Lindisfarne. Nennenswerte Büchersammlungen fanden sich bis ins 13. Jh. fast ausschließlich an Dom- und Klosterschulen, meist in Verbindung mit einer Schreibstube (scriptorium), so z.B. in den Klöstern von St. Gallen, Reichenau, und Fulda, die um 1100 jeweils ca. 1.000 Bände (volumina) enthielten. Die Bibliothek von St. Emmeram in Regensburg umfasste unter Abt Ramwold 500 Bände. Cluny und Lorsch hatten zu ihrer Blütezeit 500 - 700 Bücher verschiedenen Inhalts. Besonders reichhaltig war im ausgehenden 10. Jh. die Bibliothek der Domschule in Augsburg. <br<Um die äußerst wertvollen Buchbestände vor Brand- und Kriegsgefahr zu schützen, wurden sie in Türmen, Gewölben oder anderen festen Bauwerken verwahrt ("Schatzkammerbibliothek"). Meist war der Bücherbestand jedoch so gering, dass für seine Unterbringung ein verschließbarer Schrank im Skriptorium, in der Sakristei, im Schulraum oder im Kreuzgang reichte. Die Bücher wurden liegend, später stehend, in verschließbaren Regalschränken (armaria) oder Pulten (pulpita) verwahrt und waren oftmals angekettet (s. liber catenatus).
Ein bezeichnender Sinnspruch des 12. Jh. lautete: "Claustrum sine armario sicut castrum sine armamentario" (Ein Kloster ohne Bücherschrank ist wie eine Burg ohne Waffenkammer). Thomas von Kempen (1379-1471) sagte von Klosterbibliotheken: "Ein Kloster ohne Bücher ist wie eine Küche ohne Geschirr, ein Tisch ohne Speise, ein Fluss ohne Fische, ein Korb ohne Blumen und eine Geldbörse ohne Geld".
Außer den Klosterbibliotheken hat es schon seit je Bibliotheken an den Bischofssitzen gegeben, die der Ausbildung des Klerus dienten. Vom 12. Jh. an gab es auch einige wenige fürstliche Hof- und Palastbibliotheken sowie Privatbibliotheken einiger bibliophiler Gelehrter. Im 13. Jh. kamen die libraria der Universitäten auf, zu denen jedoch nur magistri und privilegierte Studenten Zugang hatten. Als größte und berühmteste Universitätsbücherei des ma. Abendlandes galt die von ®Bologna, die um die 5.000 Bände umfasst haben soll.
Städtische Ratsbüchereien entwickelten sich im 14. Jh aus Archiven und Rechtsbücher-Sammlungen. Im 15. Jh. entstanden erste städtische Bibliotheken, so in Ulm (1443) und Nürnberg (1488, mit 300 resp. 371 Bänden).
In den frühen Klosterbibliotheken standen neben liturgischen Büchern und Schriften der Kirchenväter auch viele Niederschriften antiker lateinischer Werke (Vergil, Horaz, Terenz, Cicero, Juvenal, Ovid, Sallust, Aesop, Seneca u.a.m.), dagegen – wegen der Unkenntnis des Griechischen – kaum ein Werk der griechischen Antike.
Die Bibliotheken der Klöster standen miteinander in einem regen Buchaustausch. Gelehrte Mönche reisten auch selbst zu entfernten Klosterbüchereien, um dort zu studieren und kopieren, wenn sie die betreffenden Werke nicht durch Kauf, im Leihverkehr oder durch Tauschhandel beziehen konnten.