Exemplum

Aus Mittelalter-Lexikon
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exemplum (lat., = Muster, Beispiel; grch. paradigma). Kurze Erzählung historischen Charkters, der argumentativen Unterstützung einer Überzeugungsrede dienend. Das ma. exemplum, wie es von christl. Moralisten gebraucht wurde, geht auf grch.-röm. Zeit zurück, wo es Richtern und Politikern als rhetor. Waffe diente. Während im antiken und im fma. exemplum der Akteur (Held, Heiliger) im Mittelpunkt steht, ist es im hma. exemplum die erzählte Tat selbst. Als Quellen dienten die Bibel, antike Fabelliteratur (Äsop), Legenden, Mirakelbücher und Märchen.
Zur Blütezeit des exemplum im 13. Jh. stellt es sich dar als eine kurze, explicit als auf einer wahren (=historischen) Begebenheit beruhende Erzählung, die in eine lehrhafte Rede (im allgemeinen eine Predigt) eingeschoben wird, um dem Publikum eine Heilsaktion unter Beweis zu stellen. Um die Wirkung im Sinne von Aktualität und Augenzeugenschaft zu erhöhen, wird das exemplum im Zeitraum der Gegenwartsgeschichte („nostris temporibus“) angesiedelt, wird der Namen des Täters oder Autors genannt, wird es eingeleitet mit Wörtern wie audivi, memini, novo, vidi. So werden die wundersamen Begebenheiten der exempla von Augenzeugen und Teilnehmern bezeugt.
In den persuasiven exempla der Predigten, den sog. Predigtmärlein, brechen sakrale und infernalische Kräfte – auf für das zeitgenössische Publikum selbverständliche Weise – ins Diesseits ein, verflechten sich Zeit und Ewigkeit, die Welt der Lebenden und die der Toten, agieren Gottvater, Christus und die Hl. Maria, Engel und Heilige, Dämonen und Teufel in der Welt des Alltags und unter alltäglichen Leuten. Die Zuhörer sollten sich in den geschilderten Menschen, Situationen und Konflikten wiedererkennen. Strategie der Prediger war, erst Furcht und Schrecken zu erregen, um dann darauf hinzuweisen, dass durch rechtzeitige Reue und Umkehr Gottes Gnade wieder zu erlangen sei.
Im MA. wurden thematisch geordnete exempla-Sammlungen zusammengestellt, die von Predigern vor allem der Bettelorden zur Popularisierung geistlicher Propaganda verwendet wurden. Als Beispiele seien die "Sermones vulgares" des ®Jacques de Vitry (12./13. Jh.), der „Dialogus miraculorum“ des ®Caesarius von Heisterbach (nach 1200), die "De diversis materiis predicabilium" des ®Etienne de Bourbon (13. Jh.), die „Historiae memorabiles“ des Dominikaners ®Rudolf von Schlettstadt (Ende 13. Jh.), der anonyme, alphabetisch geordnete „Liber exemplorum de Durham“ (um 1275), das „Magnum exordium“ des Konrad von Eberbach (vollendet um 1206) und der „Liber diversarum miraculorum“ des Engelhard von Langheim (um 1188) genannt.
(s. Konrad von Eberbach, Pedro Alfonso)