Joachim von Fiore

Aus Mittelalter-Lexikon
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Joachim von Fiore (auch Joachim von Floris, um 1132-1202, hl.). Über das Leben des Heiligen sind nur wenige verlässliche Fakten bekannt. Er soll in Celico nahe dem ital. Cosenza geboren und am Hofe König Rogers II. erzogen worden sein, als Jugendlicher eine Pilgerreise nach Jerusalem unternommen haben und nach seiner Rückkehr in das Zisterzienserkloster von Corazzo eingetreten sein. 1177 wurde er Abt von Corazzo, resignierte jedoch nach wenigen Jahren, um 1190 im kalabrischen Giovanni di Fiore einen eigenen Orden, den asketischen Floriazenserorden, zu gründen. Seine Regel wurde 1196 von Papst Coelestin III. bestätigt. Nicht zuletzt wegen seiner Lehre der Heilserwartung (s. Chiliasmus), die auf den Aussagen der Johannesapokalypse basiert und als "Joachimitismus" bekannt wurde, fand sich eine große Schülergemeinschaft ein. Joachim zufolge gliedert sich die Geschichte in drei Zeitalter oder Reiche: das des Vaters (Altes Testament; Reich der Furcht und des Gesetzes), des Sohnes (Neues Testament; Reich des Glaubens und der Gnade) und des Hl. Geistes (die Zeit des Mönchtums, Reich der Liebe und der Erkenntnis). Den Beginn des "Dritten Reiches", das die Bekehrung der Juden und Sarazenen, die Vereinigung der Byzantinischen und der Römischen Kirche und die Erlösung der Welt bringen sollte, hatte Joachim auf das Jahr 1260 festgelegt. Es sollte von einem heiligmäßigen Papst eingeleitet werden, durch eine christologisch ideale Kirche, durch das Verschwinden weltlicher und kirchlicher Hierarchien und durch die Heraufkunft eines idealen neuen Mönchtums gekennzeichnet sein. Manche Angehörige des jungen Franziskanerordens bezogen die letztgenannte Prophezeiung auf ihre Gemeinschaft und sahen in Franziskus den Engel des sechsten Siegels aus der Offenbarung Johanni, den Joachim als Initiator des neuen Zeitalters vorhergesagt hatte. Die Gedanken Joachims, vor allem wie sie in seiner "Concordia novi et veteri testamenti" niedergelegt sind, fanden im 13. Jh. weite Verbreitung und bildeten die Grundlage für soziale und religiöse Strömungen (besonders des Armuts- und Gleichheitsideals).
Weitere Werke: „Liber figuratum“ (um 1200; das Werk enthält ein Diagramm des Geschichtsablaufs); "Expositio in Apocalypsim Joannis" und "Enchiridion super Apocalypsim ", über die drei Epochen der Geschichte und über die Endzeit; "Psalterium decem chordarum"; ein gegen Petrus Lombardus gerichtetes Traktat zur Trinitätslehre („De essentia seu unitate trinitatis“) wurde 1215 vom 4. Laterankonzil verboten und ist verloren gegangen. Da die Drei-Zeiten-Lehre für das dritte Weltzeitalter der Institution Kirche nur eine der geistigen Autorität untergeordnete Rolle weissagte, fiel Joachim bei den Päpsten in Ungnade. Papst Alexander IV. anathematisierte 1263 die joachimitischen Ideen.
Die "Drei-Reiche-Lehre" des Joachim inspirierte die revolutionären Franziskaner-Spiritualen in ihrem Bestreben, den Antichrist zu überwinden und die Gläubigen durch Gebet und Predigt direkt ins Friedensreich zu geleiten.
(s. Antichrist, Franziskaner)