Reliquiar

Aus Mittelalter-Lexikon
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Reliquiar (mlat. reliquiarium = Behälter zum Aufbewahren von Reliquien, Reliquienschrein). Vom 4. Jh. an war es Brauch, die Überreste von Heiligen – ganze Leichname oder Leichenteile – in einem kostbaren Behälter auf dem Altar zur Schau zu stellen (s. Reliquien). Je prachtvoller ein Reliquiar gestaltet und ausstaffiert war, desto mehr Heil durfte von dem jeweiligen Heiligen erwartet werden. Größe und Form des Behältnisses richtete sich nach Art und Größe der Reliquien. Es gab
R.-Medaillons zum Umhängen (z.B. Brust-R. Karls d. Gr., 9. Jh.),
R.-Beutel (aus kostbarem Gewebe, mit buntem Seidenzwirn, Silber- oder Goldfäden bestickt),
R.-Kästchen (z.B. Triptychon-R. aus der Abtei von Stablo, 11./12. Jh.; Servatius-, Heinrichs- und Katharinen-R. im Kirchenschatz von St. Servatius in Quedlinburg),
Reliquientafeln (z.B. die um 1230 entstandene im Halberstadter Domschatz, mit Partikeln vom Hl. Kreuz, einem Dorn der Dornenkrone, Reliquien Mariens und der Apostel, reicher Filigran- und Edelsteinschmuck),
Reliquienostensorien (Reliquienmonstranzen, etwa das Reliquiar für einen Geißelstrick Jesu, Prag, 14. Jh., Silber vergoldet, getrieben und gegossen, mit Halbedelsteinen, Kameen und Perlen, verwahrt im Aachener Domschatz) und
R.-Büchsen (z.B. Stephansburse, 9. Jh.).
Figurierte - "redende" - Behälter hatten die Form von Köpfen oder Büsten (z.B. Kopf-R. des heiliggesprochenen Papstes Alexander I., 1145 im Maastal entstanden; Schädelreliquiar des Apostels Paulus im Dom zu Münster, Gold, 1040; Kopfreliquiar des hl. Morandus in der Klosterkirche zu Altkirch/Elsaß, 1428; Kopfreliquiar des hl. Jacobus major im Kloster St. Marienstern/sächs. Oberlausitz; Reliquienbüste des tschech. Landesheiligen Wenzel, 1344 auf Geheiß Karls IV. mit einer eigens angefertigten böhm. Königskrone geschmückt, die einen Dorn von der Dornenkrone Christi enthielt; Büsten-R. Ludwigs d. Heiligen, 14. Jh.), Armen (Arm-R.; Beispiele im Domschatz zu Halberstadt), Füßen, Fingern usf.
Andere Reliquiare waren als kleine Bauwerke gestaltet (z.B. Kuppel-R. aus dem Kloster Hochelten, um 1170).
Die eindrucksvollste Form war die des in Gold und Silber getriebenen Reliquienschreins, welcher dem Reliquiensarg die angemessene kostbare Hülle gab. Beispiele: ®Dreikönigsschrein (Köln, Domschatz; 12. Jh.); Elisabethschrein (Marburg, Elisabethkirche; 13. Jh.); der spätroman. Prachtschrein des Hl. Suitbert (13. Jh., in der Stiftskirche St. Lambertus in Kaiserswerth); der Prudentiaschrein aus der Stephanus-Kirche in Beckum (2. Viertel 13. Jh.).
Für Reliquiare verwendete Materialien waren: Metalle (Gold, Silber, Kupfer, Bronze, Messing); Kristalle, Glas, Edelstein; Elfenbein, Bein, Horn, Straußeneierschalen; Holz, Kokosnuss-Schalen; Seide, Samt, Brokat, Stickerei.
(zu Kopfreliquiar s. Atlanten {Cappenberger Kopf})