Teodorico Borgognoni

Aus Mittelalter-Lexikon
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Teodorico Borgognoni (Theodericus de Borgognonibus, Th. Cervensi, Theoderich von Lucca; 1205 – 1298). In Lucca als jüngster von fünf Söhnen des Chirurgen Ugo Borgognoni geboren, der 2014 als Stadtmedicus nach Bologna berufen wurde, kam er noch als Knabe in das dortige Dominikanerkloster und studierte In Bologna Medizin. Papst Innozenz IV. (1243-1254) berief ihn zum penitentiarius minor, als welcher er für die Erteilung der Absolution in Fällen zuständig war, die der päpstl. Kurie vorbehalten waren. Unter dem Pontifikat von Papst Urban IV. wurde er 1262 als Bischof von Bitonto (Apulien) berufen, wo er allerdings nie residierte, sondern sein Amt von Lucca aus versah. 1266 versetzte ihn Clemens VI. in das Bistum Cervia (Romagna), dem er vom nahegelegenen Bologna aus sede vacante vorstand, wo er beträchtliche Liegenschaften eignete. Hier ist er im Alter von 93 Jahren gestorben.
Neben seiner umfangreichen geistlichen Tätigkeit widmete er sich nach dem Vorbild seines Vaters der Chirurgie, lehrte in Bologna und war obendrein als Rossarzt tätig. (Dies ist umso erstaunlicher, als seit dem Konzil von Tours {1163} Klerikern verboten war, als Wundärzte tätig zu sein.) Er praktizierte mit großem Erfolg sowohl unter seinen Mitbrüdern wie unter dem Laienpublikum und verfasste human- und veterinärärztliche Schriften, darunter das lat. Kompendium der Wundbehandlung „Cyrurgia seu filia principis“ (1266/67). Diese war in vier Bücher gegliedert, betreffend: 1.) Allgemeine Wundarznei und Diätetik unter besonderer Berücksichtigung der rechten Ernährung von Rekonvaleszenten in Hinsicht auf die Blutbildung; er hält – entgegen der herrschender Ansicht „pus bonum et laudabile“- die Eiterbildung für der Wundheilung abträglich, empfiehlt den Verschluss frischer Wunden durch chirurgische Naht und lehnt die als „Ameisennaht“ bezeichnete Versorgung von perforierenden Darmverletzungen ab; 2.) Die Behandlung verschiedener Wunden, Brüche und Verrenkungen; zur Ruhigstellung der Patienten vor schmerzhaften Eingriffen empfiehlt er die von seinem Vater nach arabischem Vorbild propagierte Verwendung des „Schlafschwamms“; um ein Pferd zur Operation ruhigzustellen, verwendet er 2 bis 3 Unzen Bilsenkrautsamens. 3.) Fisteln, Abszesse, Hernien und andere pathologische Zustände, die einer chirurgischen Behandlung zugänglich sind; 4.) Die Herstellung in der Chirurgie verwendeter Heilmittel.
Die Schrift ist in lat. Handschriften erhalten, wurde auch in Volkssprachen übersetzt (Katalanisch, Französisch, Italienisch, Englisch, Deutsch, Hebräisch) und ging Ende des 15. Jh. in Druck.
Mit der Veterinärmedizin hat er sich in der Schrift „Hippiatria“ oder „Practica equorum“ (drei Bände zur Pferdeheilkunde) befasst; das Werk nutzt Quellen wie Vegetius, Jordanus Ruffus und Albertus Magnus; es wurde ins Katalanische und Occitanische übersetzt, erschien aber nie als Druck. Weiters stammen von ihm die Fachschriften „Mulomedicina“ (Behandlung der Maultiere) und „De cura accipitrum“ (Pflege der Greifvögel).
(s. Ameisennaht, Chirurgie, chirurgische Fachschriften, Schlafschwamm s. Narkotika)