Tiefbau

Aus Mittelalter-Lexikon
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Tiefbau (Kunstbauten an oder unter der Erde, darunter Kanäle, Schächte, Tunnels, Straßen). Wasserzuleitungs- und Abwasserleitungsbauten (wazzerleite, -grabe, -rinne, -runse, flutrinne; lat aquaeductus, canale fluvium, canalis, fluviale) sowie Wasserkraftleitungsbauten (fossae) fanden sich im FMA. fast ausschließlich in klösterlichen Bereichen. Erst vom 11. Jh. an gab es auch entsprechende städtische Bauten, die vor allem der wachsenden Zahl von Mahl- und Werkmühlen sowie Befestigungszwecken (Burg-, Stadtgräben) dienten. Zur Zuleitung und Nutzungsoptimierung von Trink-, Brauch-, Graben- und Mühlenwasser sowie zur Ableitung von Schmutzwasser wurden stellenweise Meisterleistungen der Ingenieurskunst vollbracht. Der Kanalbau war bis zum Ende des MA. wegen des noch nicht entdeckten Prinzips der zweitorigen Kammerschleuse im wesentlichen auf die Anlage von Weiherketten beschränkt. Zur Überwindung von Höhenunterschieden waren an Engstellen des Wasserwegs Dämme, Siele und Flutrinnen eingebaut (s. Schleusen).
Beispiele für ma. Werke des Tiefbaus: Um 770 ließ Abt Sturmi die in einer Entfernung von ca. 250 m vorbeifließende Fulda durch einen Werkskanal von 1.500 m Länge in das gleichnamige Kloster umleiten. – 793 begann Karl d. Gr. den Versuch, die Fluss-Systeme von Rhein und Donau durch einen Graben, die ®"Fossa Carolina" zu verbinden. – In Salzburg wurde durch die Abtei St. Peter und das Salzburger Domkapitel ein 370 m langen Stollen mit einer Breite von durchschnittlich 1 m und einer Höhe von 2 m zur Wasserzuleitung durch den felsigen Mönchsberg getrieben. Baubeginn war 1136, die Baudauer betrug weniger als sechs Jahre. Die Tunnelstrecke wurde durch hölzerne Gerinne von beachtlicher Länge ergänzt. – Um 1200 leitete die Stadt Goslar das Wasser der Gose oberhalb des Rammelsberges zur Stadt ab, um so den Wasserverschmutzungen durch die dortigen Bergwerks- und Hüttenbetriebe zu entgehen. – Am Ende des 13. Jh. wurde die Königseeache durch einen Kanal von 4,5 km Länge ("Almkanal") in das bestehende Kanalsystem der Stadt Salzburg eingespeist. – Im 12./13. Jh. wurde der Lech in Augsburg in fünf künstliche Mühlenbäche aufgefächert. – Die Mönche von Maria Laach gruben zwischen 1152 und 1170 einen Tunnel in Schachtbauweise, um dem ansonsten abflusslosen Kratersee einen Auslauf zu schaffen – hatte doch zuvor der nach kräftigem Regen gestiegene Wasserspiegel mehrfach das am Seeufer gelegene Kloster bedroht. Die Mönche hatten die Tunneltrasse so abgesteckt, dass die niederzubringenden Schächte einer Linie niedrigster Höhen über dem Seerand folgten, also in eine möglichst geringe Tiefe abgeteuft werden mussten. Hatte ein Schacht die errechnete Tiefe erreicht, grub man Stollen in die Richtung der nächstgelegenen Schächte vor. (Der sog. Fulbert-Tunnel hatte eine Länge von 880 m, einen Querschnitt von 1,5 x 3,5 m und hatte einen Aushub von 5.000 cbm erbracht.) – Berlin und Cölln wurden 1298 über die Spree hinweg durch einen Mühlendamm (agger molendinorum) verbunden, der als Verkehrsweg zwischen beiden Städten diente und ein Wasserreservoir für Mühlen und Stadtgräben aufstaute. Möglicherweise konnten die nötigen Stauwehre auch für die Schifffahrt geöffnet werden. Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass der Damm mit 40.000 Eichen- und Kiefernstämmen (mit bis zu 50 cm Durchmesser und bis zu 15 m Länge) bewehrt und mit Kalksteinbrocken und Granitfindlingen verfestigt war. – Als letztes Beispiel sei die Wasserversorgung der Burg Blankenheim/Eifel genannt. Hier wurde kurz nach 1468 durch einen ca. 150 m langen, mannshohen, gewölbt ausgemauerten Stollen – dem sog. Tiergartentunnel – eine Druckleitung aus Holzröhren verlegt, die in einem unterirdischen Wasserbehälter der Burg endete. Die Tunneltrasse war in sechs Abschnitte aufgeteilt und außer von den Mundlöchern her durch fünf Schächte angegangen worden. Auf den restlichen Strecken – also zwischen Quelle und quellseitigem Tunnelanfang sowie zwischen burgseitigem Tunnelende und der Brunnenstube – war die Rohrleitung jeweils in einem Graben verlegt und frostsicher verschüttet.
Genannt seien auch die Leistungen der Brunnenbauer, die zumal in Höhenburgen ihre Brunnenschächte in große Tiefen niederbringen mussten, bis sie auf wasserführende Schichten stießen, und die der Landeigner und Bauern, die Grabensysteme zur Be- und Entwässerung von Sümpfen und Grasland schufen.
(s. Bergbau, Brunnen, Deichbau, Kanalbau, Schleusen, Stadtbäche, Straßen und Wege, Wassermühlen).