Wagen

Aus Mittelalter-Lexikon
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Wagen (mhd. wagen, ahd. wagan = das sich Bewegende). Im FMA. kannte man nördl. der Alpen den grobschlächtigen einachsige Karren (mhd. karre, ahd. karro, mlat. carruca, carrecta; v. lat. carrus) und den vierrädrigen Lastwagen (mhd. wagen; lat. quadriga, plaustrum, longa carrata), jeweils mit Kasten- oder Pritschenaufbau und, der schlechten Straßenverhältnisse wegen, mit hohen Rädern. Der planenüberdeckte zweiachsige, von zwei Tieren gezogene und mit ca. 10 Ztr. beladene Lastwagen gehörte schon zur militärischen Ausrüstung der Karolingerzeit. Gemäß einer Anordnung Karls d. Gr. mussten die Packwagen (mlat. basternae) mit Tierhäuten wasserdicht ausgeschlagen sein, damit bei Flussdurchquerungen das Ladegut trocken blieb. Sie waren fast ausschließlich aus Holz gefertigt, Metall fand nur für Deichselbeschläge, Radbeschläge und Felgenklammern Verwendung. Sie dienten bis zum SMA. fast nur zum Transport von Handelsgütern, landwirtschaftlichen Produkten, Baumaterialien oder kriegerischer Ausrüstung, lediglich in Ausnahmefällen – etwa bei Reisen hochgestellter Damen, bei festlichen Aufzügen oder bei Gefangenentransporten – auch zur Personenbeförderung.
Die Wagenlast variierte stark nach Gegend, Zeit und Ladungsart. Sie betrug in den Alpen ca. 250 kg, im übrigen Land durchschnittlich 300 kg; Schwertransportwagen – etwa für Steinquader – konnten bis über 1.000 kg laden. Lastwagen legten pro Tag je nach Straßenbeschaffenheit ca. 15 – 20 km zurück und hatten den Vorteil, dass sie am Ende der Tagesstrecke nicht von der Ladung entlastet werden mussten wie Packtiere. Die Packwagen hatten zunächst starre Achsen, die Ochsen waren paarweise oder hintereinander vorgespannt und im Joch oder mit dem Stirnblatt angeschirrt. Sofern Pferde vorgespannt waren, gingen sie bis zum 9./10. Jh. in der leistungsdrosselnden Halsschlinge, erst von da an wurden das Sielengeschirr (Brustgeschirr, s. Siele) und das ®Kummet (gepolstertes Schultergeschirr) eingeführt, durch welche die volle Zugkraft der Tiere genutzt werden konnte. Um die Mitte des 12. Jh. wurde – wahrscheinlich nach fernöstlichem Vorbild – das ®Ortscheit eingeführt, ein Querholz zum Befestigen des Zuggeschirrs. Vom HMA. an wurden Pferde vermehrt als Zugtiere vor Transportwagen benutzt. Im 13. Jh. kam die durch die Deichsel gelenkte Vorderachse (Drehschemel-Lenkung) auf, durch die der Wagen wendiger und der Verschleiß an Rädern und Radaufhängung geringer wurde. Bei solchen Wagen waren die Vorderräder kleiner als die Hinterräder, da zwischen dem Achsstock der Vorderachse und dem Wagenkasten noch der um den Schlossnagel drehbare Lenkschemel eingefügt werden musste, wodurch die Vorderachse tiefer zu liegen kam und der Raddurchmesser sich zwangsläufig verkleinerte. Die Spurweite betrug 110 – 120 cm. Die Vorderachse wurde mit einer Langdeichsel oder einer Gabeldeichsel gelenkt. Neben dem Truhenwagen zum Transport von Schüttgut (Sand, Steine, Mist), bei dem die Achsen am Boden des Wagenkastens befestigt waren, gab es den Langbaumwagen zur Personen- und Warenbeförderung, bei dem Vorder- und Hinterachse unter dem Wagenkasten durch ein mastartiges Holzglied verbunden waren.
Im 14. Jh. kam für die Waren- und Personenbeförderung der "Kobelwagen" (mhd. kobel = Kasten) auf, ein Leiterwagen mit Flechtwerk zwischen den Sprossen und Planendeckung über halbrunden Gurtbögen.
Im SMA. verbesserte man den Komfort von Reisewagen dadurch, dass der Wagenkasten mittels erschütterungsdämpfender Lederriemen, Seile oder Ketten am Chassis aufgehängt wurde ("hangunder wagen"). Diese Erfindung soll aus dem ungarischen Dorf Kocs stammen, weswegen Wagen dieser Bauart auch ®Kutschen genannt wurden. Als Bremsvorrichtung benutzte man bis ins 17. Jh. für Frachtwagen den Kleffel, ein Bündel von Reisern oder Stecken, das man den Rädern unterlegte. Der Wagenlenker saß auf dem Vorderrand des Wagens oder auf einem quer über die Bordwände gelegten Brett, vom 12. Jh. an auch auf dem links der Deichsel angeschirrten Pferd, das von daher Sattelpferd hieß.
(s. Baumaterialtransporte, Bremse, Karrasche, Rad, Schubkarren, Wagenreise, Zugtiere)