Wein

Aus Mittelalter-Lexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wein (mhd., ahd. win, v. lat. vinum). Genetische Grundlage unserer heutigen Kulturreben ist die Wildrebe Vitis vinifera var. silvestris, aus der durch jahrhundertelange Positivselektion und vegetative Vermehrung (durch Stecklinge, Bodenausläufer, Veredelung usf.) ertragreiche, widerstandsfähige, farb- und geschmackstabile Sorten gezüchtet wurden. Frische und getrocknete Trauben (s. Rosinen) waren seit jeher ein begehrtes Nahrungsmittel. Wahrscheinlich ist in dem Gebiet zwischen südl. Kaukasus und Mesopotamien um 6000 v. Chr. die Weinkultur aufgekommen, die im Wesentlichen auf dem Auspressen (Keltern) der Weintrauben und der alkoholischen Gärung des Traubensaftes beruht. (Die Vergärung des zuckerhaltigen Saftes geschieht durch Hefepilze [Saccharomyceten], die mit dem Lesegut eingebracht werden.)
Die Winzerkunst des FMA. ging auf röm. bzw. gallisch-röm. Tradition zurück: Die Römer hatten den Weinbau zur Versorgung ihrer Besatzungstruppen u.a. in Burgund, an Rhein und Mosel eingeführt. In diesen Gegenden überdauerte die Weinkultur den Niedergang des Römerreiches und die Wirren der Völkerwanderungszeit, von hier aus konnte sich der ®Weinbau vom FMA. an auch im ganzen ostfränkischen Reich verbreiten. Wein diente in den Anbaugebieten als gehobenes Volksgetränk und – zur Zeit der Naturalwirtschaft – als wertvolles Zahlungsmittel. Mit dem sich ausbreitenden Christentum ging – wegen der Verwendung beim Messopfer – ein steigender Weinbedarf einher, Weinbau und Weinhandel folgten der Christianisierung. Bereits im FMA. wurde für liturgische Zwecke Wein fässerweise aus dem Oberrheingebiet nach Skandinavien exportiert.
Außer zum Kochen, als Tischwein und zum Zechen wurde Wein Kranken, Genesenden und Gebärenden als Stärkungsmittel verabreicht (s. Diätetik, Hypocras), wurde zur Besiegelung von Vertragsabschlüssen, Käufen und Verlobungen getrunken und geehrten Gästen als Willkomm gereicht (s. Trinksitten). Besondere Wunderkraft traute der Volksglaube geweihtem Messwein zu, den man sich – und sei es in noch so geringer Menge – bei der Kommunion erschlich.
Juden durften nach ihren Gesetzen nur koscheren Wein trinken. (Wein galt als koscher, wenn im Weingarten nur männliche Juden beschäftigt waren, wenn alle Arbeitsgänge zur Weinbereitung gemäß jüdischer Religionsgesetze ausgeführt wurden, wenn die Arbeitsgeräte unter Aufsicht eines Rabbiners gereinigt worden waren, wenn die Rebstöcke bei der Lese mindestens vier Jahre alt waren und wenn im Weinberg keine Mischkultur - etwa mit Obst oder Gemüse - betrieben wurde.) Da die Herstellung koscheren Weines durch christl. Winzer nicht garantiert war, gab es nicht selten jüdische Weinbergbesitzer, Winzer und Weinhändler.
Nebenprodukte der Kelterei waren ®Essig und - gegen Ende des MA. - ®Branntwein. (Der Letztere wurde bis ins 15. Jh. ausschließlich als Arzneimittel verwendet.)
Wein aus den klimatisch benachteiligten Gegenden Nordeuropas war zum Teil nur gesüßt und mit Würzzusätzen genießbar. - Hoher Wertschätzung erfreute sich der "claret" (clairet, klaret, auch: lutertranc; mlat. claretum), ein durch pulverisierte Würzpflanzen (Zimt, Ingwer, Gewürznelken, Narde, Safran u.a.) fast bis zur Farblosigkeit geklärter und mit Honig oder Zucker gesüßter Rosewein.
Wurde im FMA. überwiegend Rotwein getrunken, so bevorzugte man im HMA. leichte Weißweine (die auch aus roten Trauben hergestellt wurden). Im SMA. kamen vermehrt alkoholreiche, wuchtige Südweine auf den Tisch, die meist mit Wasser verdünnt getrunken wurden.
Etwa seit dem 13. Jh. kannte man zwei Wein-Klassen, die vermutlich auf unterschiedlichen Rebsortengruppen basierten, nämlich vinum hunicum (huntschen, hynß, „hunnischen“ Wein) und vinum francium (frentschen, frenß, „fränkischen“ Wein). Der letztere war der bessere, er kostete doppelt so viel wie der „hunnische“; sein Anbau dürfte auf Initiative Karls d. Gr. zurückzuführen sein. Allgemein dominierte im MA. – wie schon bei den Römern – der Rotwein. Zu Sirup eingedickter Wein (mhd. winsaf) wurde zum Süßen von Speisen verwendet.
Bei H. Kühnel findet sich eine Aufstellung von Weinen für die Beköstigung der Teilnehmer am Konstanzer Konzil (1414-1418), darunter "Malvasier (Wein aus Montemvasia, einer Halbinsel an der Südküste Lakoniens in Griechenland), Reinfal (Wein aus der Gegend von Rivoglio in Istrien) und Elsässer."
Der Alkoholgehalt ma. Weine dürfte aufgrund der damals gebräuchlichen Methode des Weinmachens nur bei sieben bis zehn Prozent gelegen haben (heute 10 - 16 %).
Moralisierende Geistliche genossen zwar fast ausnahmslos selbst gern das Traubengetränk, diffamierten es aber als Feind und Überwinder von Keuschheit und Schweigsamkeit. Im übrigen glaubte man, dass Frauen mehr Wein vertrügen als Männer - sei doch ihr Körper von Feuchtigkeit gesättigt, in welcher der Wein verdünnt und dadurch kraftlos werde.