Baumwolle

Aus Mittelalter-Lexikon
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Baumwolle (mhd. boumwolle; die dt. Bezeichnung für die Samenhaare der Baumwollpflanze stammt aus dem 12. Jh., als diese deutschen Kreuzfahrern bekannt wurde; lat. linum xylinum, l. cotum, l. cottoneum [v. arab. al-qutn]). Durch die Araber war Baumwolle bis zum 9. Jh. von Persien nach Nordafrika, Sizilien und Südspanien gebracht worden, von wo sie bis zum 13. Jh. ins nördl. Europa gelangte. In Oberitalien (Venedig, Florenz, Mailand, Genua) und Spanien (Barcelona) florierte bereits im 12./13. Jh. eine Baumwollindustrie, deren Überschussproduktion u.a. auch nach Deutschland, Böhmen und Ungarn ging. Im 14. Jh. bildeten sich im deutschsprachigen Raum Zentren der Baumwollverarbeitung (s. Barchent) in Regensburg, Ulm, Augsburg und Zürich. Baumwolltuche wurden zu Oberbekleidung und Weißwäsche (Unterwäsche, Bettwäsche) verarbeitet. Gefärbt wurde meist das Garn, selten ganze Stoffpartien. Im 15. Jh. fanden sich „Sartuchweber“ (sardoicher; zu sarroc, sardock; mlat. sarrocium = [leichter] Feldmantel) in Frankfurt/M. und Köln. Die aus Italien, der Türkei, aus Syrien und Zypern importierte Baumwolle war wesentlich teurer als ®Flachs, und wurde deshalb den ®Webern meist von einem ®Verleger vorgeschossen.
Die Baumwolle musste vor dem Verspinnen getrocknet, gereinigt, aufgelockert und gekämmt („kardätscht“) werden. Wegen der geringen Faserlänge und der daraus resultierenden ungenügenden Zugfestigkeit wurde Baumwollgarn meist nur als Schussfaden auf einer Leinenkette verwoben. Die Baumwollgarnerzeugung erfolgte von Anfang an industriell, da für die benötigten Spinnräder große Investitionen nötig waren. In den Betrieben der Barchentweber standen Spinnräder und Webstühle nebeneinander. (s. Industrie)
Mit der Verbreitung der Baumwollstoffe als Massenware fiel der Beginn der Mode im modernen Sinn zusammen. Zumindest die wohlhabenderen Schichten konnten es sich leisten, die Kleider öfter zu wechseln, sei es auch nur, um dem jeweils neuesten Modetrend zu folgen. Dies hatte zur Folge, dass der Bedarf an Baumwollstoffen stark anstieg. Nunmehr setzten sich in Stadt und Land viele Leute an den Webstuhl, seien sie Bauer oder Dienstmann, Handwerker oder Krämer. Sie arbeiteten einem Verleger als Lohnarbeiter zu.
Die anspruchsvoller geschnittenen und ausgestatteten Kleidungsstücke gaben auch der Schneiderei Auftrieb, ließen sie zu einem zünftigen Handwerk werden.
In Venezien etablierte sich als zentraler Industriezweig die Baumwoll-Segelmacherei. Schon 1283 wurden ca. 150 to Baumwolle zu 68.000 Stück Segeltuch im Wert von 300.000 Dukaten verarbeitet (s. Segel). In Marseille wurde "Bombasine", ein Mischgewebe aus Hanf vom Rhone-Saone-Tal und Baumwolle aus der Levante hergestellt, das breite Verwendung als Segeltuch fand.
Einen wesentlichen Fortschritt brachte die Baumwolle als Kerzendocht, ergaben doch erst Baumwolldochte eine optimale Brennstoffversorgung der Flamme und damit ein gleichmäßiges, helles Licht. Die Verbesserung der Lichtqualität wird mit jener verglichen, die durch die Einführung der Glühbirne im 19. Jh. erreicht wurde.
(s.a. Garn, Mandeville, Sir John de)