Glocke

Aus Mittelalter-Lexikon
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Glocke (mhd.; ahd. glocca, clocca; v. altir. clocc [lautmaler.]; lat. campana; der Bischof Gregor von Tours [6. Jh.] erwähnt Glocken die an einem Seil gezogen werden und bezeichnet sie als signa ecclesiae). Geschmiedete Glocken gab es schon im grch.-röm. Altertum, wo sie als Signal- und als Musikinstrumente benutzt wurden. Im den Bereichen des Christentums fanden Glocken im Dienste der Liturgie nur zögernd Verbreitung, waren sie doch in der Bibel nicht erwähnt und galten als heidnisch. Erst für das erste Drittel des 6. Jh. sind sie als kirchliche Zeichengeber für nordafrikan. Klöster belegt und fanden seit dem 8. Jh. von Irland, Schottland und England her Eingang ins christl. Abendland.
Glocken wurden im FMA. in Klöstern (Fulda, Erfurt, St. Gallen, Tegernsee, Reichenau), vom 12. Jh. an von weltl. Handwerkern hergestellt, und zwar zunächst als durch Schmieden und Nieten gefertigte (vasa productilia), seit dem 10. Jh. zunehmend als gegossene Werkstücke (vasa fusilia). Das Glockengießen wurde bis ins 15. Jh. als Wanderhandwerk ausgeübt, da man es wegen ihres zunehmenden Gewichts vorzog, Glocken am jeweiligen Bestimmungsort zu gießen. Erst, nachdem sich die Giesser dem lukrativen Geschäft des Büchsen- oder Stückegießens zugewandt hatten, entstanden feste Gießhütten in den Städten.
Die älteste deutsche Glocke (von 613) befindet sich in einem Kölner Museum, die älteste noch läutende Glocke Deutschlands (von 1059) ist die Lullus-Glocke von Bad Hersfeld. Als älteste vollständig erhaltene Läuteglocke Nordeuropas gilt die (1978 bei geophysikalischen Untersuchungen) im Schlamm des ehemaligen Hafens von Haithabu entdeckte Glocke von ca. 950. Die größte erhaltene freischwingende ma. Glocke ist die ®"Gloriosa" (= die "Ruhmvolle") im Mariendom zu Erfurt (1497 gegossen in der Gießerei des Holländers Gerhard Wou van Kampen; 2,62 m hoch, 11,45 to schwer; wegen ihres langanhaltenden Nachklangs als "Königin aller Glocken" bezeichnet).
Das klassische Glockenmetall (Glockenbronze, Glockenspeise, Glockengut) ist eine Legierung aus 70 - 80 % Kupfer und 20 - 25 % Zinn. Legierungen dieser Art zeichnen sich durch hohe Verschleißfestigkeit, Korrosionsbeständigkeit, gute Bearbeitbarkeit - und vor allem durch hervorragende Schwingungseigenschaften aus. Die Klangreinheit war umso höher, je reiner die Ausgangsmetalle waren.
Die äußere Form der Glocke glich ursprünglich der gedrungenen Gestalt eines Bienenstocks (Beispiel: Kunigundenglocke des Bamberger Doms, um 1200), vom 12. Jh. an der eines schlanken Zuckerhuts (Kegelstumpfes; Beispiele im Glockenmuseum zu Apolda). Beide Glockenformen werden auch als „Theophilus-Glocken“ bezeichnet. Im 13./14. Jh. erfolgte der Übergang zur got. Form der "Dreiklangrippe". Deren Körper gliedert sich von oben nach unten in die Krone (Aufhänger), Schulter (die Bedachung), Flanke (Glockenwand) und den deutlich ausladenden Schlagring (den verstärkten Saum der Glocke, der in der "Schärfe" ausläuft). Der Glockenton wird durch den im Glockeninneren frei schwingenden Schwengel (Klöppel) beim Anschlagen an der Glockenwand erzeugt. Das Gewicht des Schwengels betrug meist ein Vierzigstel des Glockengewichts. Als Beispiel einer frühen Dreiklangglocke sei die Elisabeth-Glocke zu Marburg genannt, gegossen um 1380.
Der voll und rein klingende Schlagton wurde als Ergebnis generationenlanger Erfahrung und Fortentwicklung im 15. Jh. erreicht. Es entstanden Glocken mit Schlagton, Oktave und Terz. Die Klangqualität einer Glocke wird bedingt durch die Zusammensetzung des "Glockengutes" und die Ausformung der Glockenwand (deren Längsschnitt als "Rippe" bezeichnet wird). Je größer der Durchmesser einer Glocke, desto tiefer und weittragender der Ton.
Glockengießer übten ihr Handwerk als Wandergewerbe aus, zumindest bei Aufträgen für größere Glocken von mehreren Tonnen Gewicht, deren Transport nicht zu bewerkstelligen war. Bis zum 13. Jh. wurden Glocken nach dem Ausschmelzverfahren hergestellt. Dafür wurde neben der Kirche, für welche die Glocke bestimmt war, eine Gussgrube ausgehoben. Am Boden der Grube wurde der "Kern" aufgemauert, dessen Oberfläche mittels einer umlaufenden Schablone mit Lehm geglättet wurde. Auf dem Kern, der den späteren Innenraum der Glocke darstellte, wurde ein Wachs- oder Talgmodell der Glocke aufgetragen, und dieses von einem Lehmmantel umhüllt. Beim Brennen der Lehmform schmolzen Wachs bzw, Talg aus, die entstandene Hohlform wurde mit flüssiger Bronze ausgegossen. Vom 13. -14. Jh. an wurde diese Technik vom Mantelabhebeverfahren abgelöst, bei dem auf dem Kern, getrennt durch einen Überzug aus Rindertalg oder Asche, die "Falsche Glocke" (Dicke, Hemd) mit der endgültigen Oberflächengestalt und Ornamentik aus Lehm modelliert wurde. Die Oberfläche der Falschen Glocke prägte die Innenfläche der äußeren Gussform – des Glockenmantels –, der ebenfalls aus Lehm bestand und mit Eisenreifen armiert war. Der Glockenmantel wurde nach dem Austrocknen abgehoben, überarbeitet, manchmal mit ®Glockenzier versehen und nach der Entfernung der Falschen Glocke wieder exakt über dem Kern positioniert. Der dabei verbleibende Hohlraum entsprach dem Glockenkörper und wurde mit der Bronzeschmelze ausgegossen. Als älteste nach der neuen Technik hergestellte Glocke wird die der Peterskirche zu Aachen, datiert 1261, angesehen.
Als einem liturgischen Gerät wurde Kirchenglocken in Form der ®"Glockenweihe" ein eigener Initiationsritus gewidmet; da ihr aber noch immer der Ruch des heidnischen anhing und auch Christen ihrem Klang magische Kräfte zutrauten, wandte sich noch 789 ein Capitulare Karls d. Gr. gegen diesen Brauch. Es blieb aber bei der Zeremonie und dabei, dass Glocken gerade aufgrund der Weihe im Volksglauben Wunderkraft zugemutet wurde; und so vertraute man auf die Wirkung ihres Schalls bei der Abwehr von Dämonen und von durch böse Kräfte bewirkten Unwettern sowie bei der Abschreckung feindlicher Heere. Kirchlicherseits sprach man von der im Volksmund „Glockentaufe“ genannten Zeremonie als von benedictio und consecratio, als von Weihe, nicht von baptismus = Taufe. Bei dem Ritus wurde die Glocke zunächst gewaschen, dann eingesegnet, mit Weihöl besprengt und beräuchert.
Außer mit dem bei der Glockenweihe verliehenen Taufnamen benannte man Glocken auch nach ihrer Funktion: man kannte Bet-, Mess-, Tauf- oder Sterbeglocken und profane Glocken wie Morgen-, Mittag- oder Abendglocken, Wein-, Bier- oder Zechglocken, Rats-, Feuer-, Sturm-, Fron- oder Marktglocken (s. Glockenläuten, Stadtglocken). (Im Laufe des MA. artete das massierte Glockengeläut mancherorts zu einer Lärmbelästigung aus.) Auch Größe und Klang der Glocken konnten Anlass zur Namensgebung sein (etwa "Maxima" oder "Pummerin"), oder die jeweilige Läutezeit ("Einserin", Fünferin").
Das Berühren einer Glocke oder die Einnahme von abgeschabtem Glockenmaterial galten als Heilmittel für Mensch und Tier. Noch die Glockenschmiere (mhd. glockensmalz) und das Glockenseil (mhd. glockensnuor) hatten magische Kräfte. Die als verbürgt angenommene Fähigkeit der Glocke, von selbst ihre Stimme zu erheben oder sich von ihrem Standort zu entfernen, war Anlass zu vielen Legenden und Märchen.