Imkerei

Aus Mittelalter-Lexikon
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Imkerei (aus mhd. imme, imbe = Bienenschwarm und mndl. kar = Korb). Die Honigbiene (Apis mellifera; mhd. bin) ist ein staatenbildendes Insekt. Die Gesamtheit eines Bienenvolkes, bestehend aus einem fortpflanzungsfähigen Weibchen (Königin, Weisel), den unfruchtbaren Arbeiterinnen, männlichen Bienen (Drohnen), der Brut und dem Wachsgebäude samt Vorräten wird "der Bien" genannt. Seit dem Neolithikum ist die Nutzung des Honigs (Nahrung der Brut und Winterreserve für das Volk) als Süßungsmittel bekannt, auch wurde der Baustoff der Brutzellen, das Bienenwachs, vielfältig genutzt. Bienenhonig war auch der Grundstoff für das begehrte Honigbier (s. Met). Von der Rolle der Biene als Blütenbestäuber hatte man bis zum 19. Jh. keine Kenntnis.
Im MA. wurden Bienenhaltung und Honiggewinnung in Form der Waldbienenwirtschaft (Zeidlerei) und als Hausbienenhaltung (mit Klotz- und Rutenstülpern, Körben) betrieben. Letzterer wurde im Lauf der Zeit der Vorzug gegeben, da sie keine Baumschäden verursachte und der Bestand an Bienenvölkern geschont wurde – ging doch bei der Honigernte manches Wildbienenvolk zugrunde.
Bei der Waldbienenwirtschaft erntete der Zeidler (Beutner, Büthener, mhd. zidelaere, zidler; mlat. apiarius) Honigwaben von wilden Bienenschwärmen, die in Felsenspalten oder Baumhöhlen lebten. Zur intensiveren Nutzung legte er künstliche Höhlen (Beuten) in hohen, starken, geradschäftigen Bäumen an. Mit der Zeidelaxt wurden eine oder mehrere Höhlungen – zum Schutz vor honigsuchenden Bären hoch im Stamm – ausgeschlagen, die an der Rückseite mit einem Brett verschlossen und an der Basis der Vorderfront mit einem Flugloch versehen wurden. Zum Anlocken eines Schwarms rieb man die Beuten mit duftenden Kräutern (z.B. Melisse) oder mit Honigwasser aus. Nahe dem Flugloch legen die Bienen das Brutnest an, die Honigwaben liegen im rückwärtigen, dem Verschlussbrett zugewandten Teil. Der Zeidelbaum wurde durch das Zeichen des Zeidlers kenntlich gemacht. Die Baumkrone wurde abgesägt (gewipfelt) oder stark ausgeastet, um gegen Windbruch vorzubeugen und um das Bienenhaus besser dem wärmenden Sonnenlicht auszusetzen. Geerntet (gezeidelt) wurde zu Beginn der Baumblüte der Teil des Honigs, den die Bienen während das Winters nicht verbraucht hatten. Dazu erstieg der Zeidler den Baum mit einem Seil, in das ein Querbrett als Sitz eingeflochten war, entfernte das Verschlussbrett und trieb die Bienen mit Rauch durchs Flugloch aus. Nach der Ernte wurde die Beute gereinigt und verschlossen und so bereit zum Neubesatz hinterlassen. Die Waldbienenhaltung war der Imkerei im Ertrag um ein Drittel überlegen. Sie überwog in den geschlossenen Waldgebieten Osteuropas, in der andersartigen Waldflora Mittel- und Westeuropas konnte sie sich nicht durchsetzen. Lediglich in den Wäldern um Ansbach, Nürnberg und Bamberg, die Kaiser Karl IV. "des Reiches Bienengarten" nannte, wurde intensive Waldbienenhaltung getrieben. (In der Ortschaft Schwaig, westl. Nürnberg, stand das kaiserl. „Zeidelmuttergut“, dem Tochterzeidelgüter mit Honig und Wachs, später mit Honiggeld abgabepflichtig waren. Im Reichswald durften ausschließlich privilegierte Zeidler ihr Handwerk betreiben. Kaiser Karl IV. hat 1350 die Zeidler um Nürnberg als alleinige Nutzberechtigte der Bienenstöcke privilegiert. Er befreite ihre Waren vom Zoll und erlaubte ihnen das Tragen der Armbrust zum Schutz vor Bären und Räubern. 1427 löste die Stadt Nürnberg den Kaiser als Lehnsherr der Zeidler ab.) Das Zeideln war durch den Waldherrn streng reglementiert, da intensive Zeidelwirtschaft den Wald stark schädigen konnte. Zeidlerei wurde nicht nur von Bauern im Nebenerwerb, sondern auch von hauptberuflichen, zünftisch organisierten Waldimkern betrieben. Diese hatten auch waldpolizeiliche Aufgaben und durften zum Schutz vor wilden Tieren wie Luchsen, Wölfen oder Bären eine Armbrust mit sich führen; dafür mussten sie dem Landesherrn im Kriegsfalle Heerfolge leisten. Jeder Zeidler erhielt pro Jahr 50 bis 60 neue Bäume zur Anlage der Beuten. Neben der Beschädigung wertvoller alter Samenbäume kam es vielerorts zur Schädigung des Waldbodens durch Abbrennen der Gras- und Kräuterschicht, um das Wachstum von Heide zu fördern, die eine wertvolle Bienenweide bietet.
Wann sich in Mitteleuropa die Hausbienenhaltung herausbildete, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich kam es dazu in den Fällen, wo Bäume mit eingerichteten Beuten umstürzten, und der Imker die Beuten heraussägte und im Hausbereich aufstellte. In der Folgezeit wurden Beuten gleich in passenden Stammabschnitten eingerichtet (Klotzbeuten). Auch kegelförmige, aus Ruten und Reisig geflochtene Bienenkörbe (Rutenstülper) waren schon zu Beginn des 1. Jt. bekannt. Thietmar von Merseburg berichtet (um 1000) von dem Beruf eines Imkers (magister apium, apicularius), jedoch wurde die Hausbienenhaltung zumeist von Bauern im Nebenerwerb betrieben.
Im weiteren Verlauf kamen aus Strohseilen gewundene Bienenkörbe auf, die liegend (Walze) oder mit der Öffnung nach unten stehend (Stülper) in Holzgestellen aufgereiht wurden und gegen Regen und Sonnenhitze durch Überdachung abgeschirmt waren. Die Pflege der Hausvölker bestand im wesentlichen darin, sie von Witterungseinflüssen, vor Fressfeinden und Schädlingen zu schützen, ihnen durch Wechsel des Standorts optimale Tracht zu bieten und sie in Notzeiten mit Honigwasser zu füttern. Im Herbst wurden aus den schwersten und aus den leichtesten Körben die Bienen ausgetrieben und der Wabenbau ausgeschnitten. Etwa ein Viertel des Völkerbestandes, junge, mittelstarke, gesunde Völker mit jungen Königinnen und jungem Wabenbau, wurden als "Leibimmen" auf dem eingetragenen Honigvorrat überwintert.
Bienenvölker stellten bedeutende Werte dar: zwei Völker entsprachen dem Gegenwert einer Kuh. Die Gottesfriedensbewegungen des 11. Jh. beinhalteten auch Selbstverpflichtungen betreffend die Imkerei: im Fall einer Fehde durften die Bienenstöcke des Gegners nicht zerstört werden.
Die im Juni oder Juli ausfliegenden Bienenschwärme wurden mit lautem Lärmen verfolgt – einmal, um den Besitzanspruch auf den Schwarm geltend zu machen, zum anderen, weil man glaubte, sie dadurch zum Niederlassen anzuregen. Mancherorts durfte ein Schwarm nicht weiter verfolgt werden, als man die Zeidleraxt werfen konnte. Wenn sich der Schwarm niedergelassen hatte, fing man ihn mit einem Korb oder einer Kiste ein, die mit Honig als Lockstoff ausgerieben war.
Wo die Bienenzucht heimisch war, pflegte man geradezu familiären Umgang mit den Immen: Beim Tod des Hausherren verhüllte man die Stöcke mit schwarzen Tüchern, bei Hochzeiten hüllte man sie in rote Stoffe.
(s. Biene, Bienenkunde, Bienenrecht, Bienenwachs, Honig, Tiersymbolik)